Wieder rechter Terror in Deutschland
– Und
wieder fallen alle aus allen Wolken
Parteien und Medien sind völlig überrascht davon,
dass Deutsche aus Liebe zum Vaterland Ausländer hassen
und töten - als ob das jetzt zum allerersten Mal
passiert wäre. Noch mehr erschrocken sind sie darüber,
dass der Hass auf Ausländer zum Hass auf den Staat
geworden ist, der Ausländer im Land duldet und nicht
konsequent deportiert; sie sind schockiert von der
Entdeckung, dass dieser Hass zu einem schon Jahre
laufenden Privatkrieg eines Geheimbunds gegen die
staatliche Ordnung eskaliert ist. Bundes- und
Landesregierungen sind auch entsetzt. Vor allem
darüber, dass ihre Polizei den wenigstens zehn mit der
gleichen Waffe verübten Morden keine gemeinsame
Zielsetzung und keine Täter zuordnen konnte. Da haben
das Recht und seine Durchsetzung eine gewaltige
Schlappe erlitten.
Die Regierungsstellen sind ferner verunsichert von
der Erfahrung, dass sie ihre Gesellschaft auch geistig
nicht voll im Griff haben: Da leistet man sich eine
geheimdienstliche Staatsschutzbehörde, um die
politische Meinungsbildung überall dort
auszuspionieren, wo sie den Rahmen des staatlich
Erlaubten zu überschreiten droht; da unterwandert der
Verfassungsschutz die NeoNazi-Szene in einer Weise,
dass es kaum mehr rechte Funktionäre gäbe, würden alle
V-Männer ihre Mitarbeit einstellen -und dann zeigt
sich, dass die Nazis den Verfassungsschutz ebenso
unterwandert haben wie der sie. Die staatliche Hoheit
ist übel blamiert -und ihre Unparteilichkeit, was
linke und rechte Observationsobjekte angeht, steht arg
in Zweifel. Den Verdacht, auf dem rechten Auge blind
zu sein, lassen Merkel und Co. nicht auf sich sitzen.
Ihre dringend nötige Schadensbegrenzung geht so:
Erstens räumt
man alle Pannen und Versäumnisse ein und stellt sich
an die Spitze der Kritiker von Polizei und
Verfassungsschutz. Zweitens entschuldigt
man sich bei den Familien der Ermordeten, plant eine
kleine finanzielle Wiedergutmachung und für die Toten
eine würdige Feier. Drittens nimmt
man das Vorhaben eines NPD-Verbots wieder auf: Denn,
wenn das böse Denken und Wollen erst unterdrückt und
seiner organisatorischen Artikulationsmöglichkeit
beraubt ist, ist die deutsche Idylle wieder Ordnung!
Es bleiben nur ein paar Fragen, die mal wieder kein
Schwein interessieren:
Warum sind Ausländer in allen Demokratien ein
Problem und werden als störend empfunden noch lange
ehe einer Mordabsichten gegen sie hegt?
Warum mutiert der gute und gewünschte Patriotismus
mit einer gewissen Regelmäßigkeit zum
übersteigerten, mörderischen Nationalismus und
Rassismus?
Warum führen manche Leute aus Vaterlandsliebe
Krieg gegen den Staat in ihrem Land?
Warum brauchen so genannte freie Gesellschaften
eine nicht so genannte Stasi?
Warum gehören zur Demokratie Parteienverbote?
Diese Fragen werden auf der Veranstaltung beantwortet.
Vortrag und Diskussion mit Theo
Wentzke (Redakteur GEGENSTANDPUNKT)
Imperialistische Geldsorgen
– und wie die Völker mit ihnen behelligt werden
Seit einem halben Jahr
bestimmt wieder die Weltfinanzkrise die Tagesordnung
der Weltpolitik. Tagtäglich werden die Bürger von
Presse und Fernsehen mit dem Tun und Treiben derer
behelligt, die Finanzmärkte heißen und ihr Geschäft
mit der Spekulation auf Finanztitel machen. Man
erfährt, dass da gegen die Staatsanleihen europäischer
Staaten spekuliert und ein Staat nach dem anderen an
den Rand des Bankrotts getrieben wird; man wird mit
den Aktivitäten von Ratingagenturen vertraut gemacht,
die die Schuldtitel der USA herabstufen und damit eine
Panik an den Börsen auslösen. Und man wird mit den
Anstrengungen der Regierungen bekannt gemacht, mit
denen sie die negativen Wirkungen dieses Treibens auf
die Staatsfinanzen und auf das Geld der Nationen in
den Griff bekommen wollen.
Bei jeder
Rettungsaktion, mit der die Regierungen die Märkte zu
beruhigen und das Kreditsystem zu sichern suchen,
kommt die bange Frage auf: „Klappt das?“. Hinterher
darf dann wieder geunkt werden, dass das wohl wieder
nicht reicht... So werden die Bürger, die weder an der
Börse spekulieren noch ein Regierungsamt inne haben,
an diesen Sorgen beteiligt, als wären es die eigenen.
Ganz selbstverständlich geht jeder davon aus, dass
„der kleine Mann“ von allem betroffen ist, was an den
Börsen und in den Regierungssitzen getrieben wird.
Dass das Geld, das er verdient und mit dem er
zurechtzukommen hat, allemal in Mitleidenschaft
gezogen ist, wenn die Geschäfte des Finanzkapitals
schlecht gehen: Davon geht jeder aus, als wäre es eine
Naturtatsache. Warum das so ist, erfährt man zwar
nicht so genau; aber die Botschaft kommt noch allemal
rüber: Dass man als „kleiner Mann“ im Grunde nur
abwarten kann, auf jeden Fall aber seine Hoffnung
darauf setzen soll, dass die wirklichen Herren des
Geldes ihre Sache gut machen.
Die Sorge normaler
Bürger darum, ob die Obrigkeit auch ihr Bestes tut, um
„unseren Euro“ zu retten, ist ziemlich verkehrt. Sie
sieht nämlich geflissentlich darüber hinweg, was
dieses „Beste“ eigentlich ist, was die Regierungen zur
Bewältigung der Finanzkrise unternehmen:
Ein Lehrstück über die
politische Ökonomie des Kapitalismus - und über das
Staatsprogramm der Herrschaft, die diese
Produktionsweise betreut.
Was ist los, wenn
europäische Politiker sich zusammensetzen, um einen
Rettungsschirm für den Euro zu basteln, und dabei
unbedingt die großen Finanzinstitute mit im Boot
haben wollen – und zwar freiwillig? Offensichtlich
ist den hohen Herren von der Politik sehr viel daran
gelegen, dass ihre Maßnahmen zur Krisenbewältigung
bei genau den Banken gut ankommen, die sie an
anderer Stelle publikumswirksam als Spekulanten
beschimpfen. Offensichtlich ist das die oberste
Leitlinie der Politik: Dass alles, was sie tut, um
den Kredit zu sichern, auch zu den geschäftlichen
Berechnungen derer passt, die das Unheil an den
Märkten gerade anstellen.
Was ist los, wenn
Merkel und Sarkozy sich treffen, um über eine neue
europäische Wirtschaftsregierung zu sprechen – und
dabei verkünden, man wolle von Seiten der Politik
alles Nötige tun, um das „Vertrauen der Märkte“
wieder zu gewinnen? Dann geben die politischen
Herren zu Protokoll, worauf ihre Rettungsmaßnahmen
zielen: Darauf, dass das Interesse der Staaten an
einem starken Euro und die geschäftlichen
Berechnungen der Kreditwirtschaft wieder zueinander
finden. Dann ist offenbar die Welt wieder in
Ordnung! Haben Kritiker recht, die der organisierten
Verbeugung der Politik vor den Kalkulationen der
Finanzmärkte entnehmen wollen, dass sich die Politik
hier über den Tisch ziehen lasse? Oder ist es
tatsächlich so, dass Reichtum und Macht der Nationen
mit dem Gelingen des Geschäfts der Finanzer steht
und fällt?
Was ist los, wenn für
die Regierenden bombenfest steht, dass die
Finanzmärkte allemal richtig liegen, wenn sie den
Schuldtiteln von Staaten das Misstrauen aussprechen?
Egal, wofür ein Staat Kredit genommen und ausgegeben
hat; egal, ob sein Haushalt gestern noch als solide
galt, wenn die Finanzhäuser ihm den Kredit
entziehen, dann gilt: Da hat die Nation über ihre
Verhältnisse gelebt. Dann heißt die oberste
politische Richtlinie für alle staatliche Politik:
Der Kreditwirtschaft muss bewiesen werden, dass ab
sofort in diesem Land solide gewirtschaftet wird.
Dann muss gespart werden; und das geht allemal auf
Kosten derer, die von Lohn und Rente leben müssen.
An Griechenland machen sie es vor, Portugal,
Spanien, Irland, Italien... ziehen nach: Zwecks
Krisenbewältigung verordnen die politischen Herren
ihren Völkern ein gnadenloses Verarmungsprogramm.
Und was ist los, wenn
die politische Herrschaft, die so auf die
Freiwilligkeit „der Märkte“ aus ist, bei der
Durchsetzung dieses Programms gegen die Leute
weniger Wert auf Freiwilligkeit liegt? Da gilt: Die
Volksmassen haben sich dem neuen Elendsniveau zu
fügen, das Politik für sie in Angebot hat. Streiks,
Aufruhr, Demonstrationen sind fehl am Platze, wo es
darum geht, den Kredit der Nation zu retten: Das ist
die Lehre aus der Krise, die die politischen Führer
ihren Völkern unmissverständlich beibringen. Der
GegenStandpunkt hat sich mit dem Fortgang der Krise
befasst, die als Crash in einem Segment des
Finanzderivatemarktes begonnen hat und sich
gründlich zur Weltfinanzkrise entfaltet hat:
Die Sorge, ob solche radikalen
Sparprogramme wirklich aus der Krise führen, sollte
man also tunlichst den Experten überlassen. Und sich
stattdessen unvoreingenommen ein wenig Klarheit
verschaffen über die Gründe der Krise – und die
Zwecke und Absichten derer, die ihre ganze Macht zur
Rettung ihres kapitalistischen System zum Einsatz
bringen.
Seit
einem halben Jahr bestimmt wieder eine Krise die
Tagesordnung der Weltpolitik – man hört, nach der Krise
der Banken ist es jetzt eine der Staatsschulden. Von
Presse und Fernsehen wird man mit dem Tun und Treiben
derer befasst, die Finanzmärkte heißen und ihr Geschäft
mit der Spekulation auf Finanztitel machen. Man erfährt,
dass
die
gegen die Staatsanleihen europäischer Staaten
spekulieren und Staaten damit an den Rand des
Bankrotts getrieben werden;
Rating-Agenturen,
die
die Schuldtitel der USA herabstufen und damit eine
Panik an den Börsen auslösen.
die
Regierungen einiges unternehmen, um die negativen
Wirkungen dieses Treibens auf die Staatsfinanzen und
auf das Geld der Nationen in den Griff zu bekommen.
auch
die Banken sich wieder an der Krise anzustecken
drohen, wenn nicht entschlossen Kapitalspritzen
gesetzt werden.
Dabei
dominiert eine Frage alle anderen: Ob die Maßnahmen der
Krisenbewältigung auch gelingen werden?
Zwar
haben die Leute bei Börse und Politik nichts
mitzubestimmen, aber dieselben Sorgen wie Politik und
Finanzunternehmen sollen sie sich dann schon machen.
Warum sie das sollen, erfährt man auch: Jeder muss mit
dem Geld sein Leben bestreiten, das in Mitleidenschaft
gezogen wird, wenn die Finanzgeschäfte schlecht laufen –
es wird von den Verantwortlichen alles getan, damit die
Spareinlagen auch künftig sicher bleiben; und damit das
so bleiben kann, muss künftig jeder seinen Spar-Beitrag
dafür leisten, weil auch „wir“ Jahr um Jahr mit dem
„Irrweg der Schuldenwirtschaft“ über „unsere“
Verhältnisse gelebt haben.
Warum das
plötzlich so ist, erfährt man zwar nicht so genau, aber
eine Botschaft davon kommt allemal rüber: Als „kleiner
Mann“ soll man nur abwarten und seine ganze Hoffnung auf
die wirklichen Herren des Geldes setzen, die wie immer
aus ihren vorher gemachten Fehlern lernen, und nun
entschlossen Europa und die Welt wieder auf Erfolgskurs
bringen.
Diese Sorge, ob das auch gelingt, was
die Politik da tut, halten wir für verkehrt. Sie sieht
nämlich darüber weg, was da von der Politik betrieben
wird, um „unseren Euro“ zu retten. Die Fragen, ob solche
radikalen Sparprogramme wirklich aus der Krise helfen,
wollen wir deshalb auch den Experten überlassen und uns
stattdessen unvoreingenommen in der Veranstaltungsreihe
ein wenig Klarheit verschaffen über die Krise.
Was
los ist, wenn
Europas
Politiker
einen Rettungsschirm für den Euro zimmern – und
dabei verlauten, dass sie von Seiten der Politik
das Nötige tun werden, um das „Vertrauen der
Märkte“ zurückzugewinnen;
für
die Regierenden bombenfest steht, dass die
Finanzmärkte allemal richtig liegen, wenn sie den
Schuldtiteln von Staaten das Misstrauen
aussprechen;
die
politische
Herrschaft, die so unbedingt auf die
Freiwilligkeit „der Märkte“ aus ist, bei der
Durchsetzung dieses Programms gegen die Leute gar
keinen Wert auf Freiwilligkeit legt:
Das sind einige der
Fragen, die wir mit Euch klären wollen.
Der
Super-GAU
in
Japan: Noch eine Katastrophe, die nichts ändert
Die
Staaten
haben
aus Harrisburg nichts gelernt –
die
Staaten
haben
aus Tschernobyl nichts gelernt –
was
lernen
sie aus Fukushima?
„Fukushima hat bewiesen,
wie tödlich die Gefahr ist, die von Atomkraftwerken
ausgeht!"
Das ist die Lehre von Kritikern, die vor allem den
verantwortlichen Politikern ans Herz gelegt wird,
damit die endlich die AKW's abschalten.
Für diesen Nachweis soll es die ‚Havarie' in Fukushima
gebraucht haben? Nach Harrisburg und Tschernobyl soll
in politischen Kreisen Ahnungslosigkeit über das
nukleare Gefahrenpotenzial herrschen? Seit über
vierzig Jahren verhallt die Warnung vor dem atomaren
Risiko ergebnislos, weil Staaten die Gefahr kennen,
die sie in Gang setzen. Sie kalkulieren ja
damit, wenn sie sie zu einem "Restrisiko" erklären,
das in Kauf zu nehmen ist. Und ein Risiko bleibt auch
dann real, wenn man es mit dem Euphemismus "Rest-"
klein redet.
Statt verfehlter Warnungen sind nach Fukushima ein
paar Antworten auf die folgenden Fragen fällig:
Was ist von einer Technik zu halten, bei der
ein Störfall nicht das Ende der Leistung, sondern
den Einstieg in die Katastrophe bedeutet?
Worin besteht die
"Vernunft" einer Wirtschaft, die für ihr
fortwährendes Wachstum einen steigenden
Energiebedarf durch Kernspaltung deckt, also durch
ein Verfahren, das schon im störungsfreien
Normalbetrieb die Bevölkerung verstrahlt und im
Extremfall in großem Stil über Leichen geht?
Welche Ziele sind einem
Staat das zivile nukleare Risiko wert, das wie jetzt
in Japan große Teile seiner "Humanressource" und
seines Geländes, also seine eigene Machtbasis, auf
Jahrzehnte so unbrauchbar macht, wie es sonst nur
Kriege vermögen?
Wie ist Merkels "Zäsur nach
Fukushima" zu beurteilen, wenn sie aus der
"Erfahrung der Unbeherrschbarkeit" der Atomtechnik
den Schluss auf die Abschaltung des
"Unbeherrschbaren" verweigert und stattdessen eine
Sortierung nach vermeintlich sicheren und unsicheren
Reaktoren in Auftrag gibt?
Was ist vom deutschen
Umstieg auf alternative Energiequellen zu halten,
wenn er mindestens das leisten muss, was bislang
Kernreaktoren für die nationale Energiepolitik
erbracht haben, und wenn für seine
Anschubfinanzierung ausdrücklich die
"Brückentechnologie" Kernkraft wegen
Milliardeneinnahmen noch bis auf weiteres genutzt
werden soll?
Ohne der famosen
Ethikkommission vorgreifen zu wollen, soviel steht
fest bei all dem "Umdenken": Wenn eine vermutlich
verringerte Reaktorzahl über eine womöglich stärker
begrenzte Restlaufzeit weiterstrahlt, ist das im
Entsetzen über Fukushima als "unvertretbar" erkannte
Risiko sicher wieder voll vertretbar.
Was man aus der
Nuklearkatastrophe in Fukushima wirklich lernen kann:
Darum geht es auf der Diskussionsveranstaltung.
Vortrag und Diskussion: Manfred Freiling (Redakteur
Gegenstandpunkt)
Tunesien, Ägypten, Libyen: Immer
nur „Demokratie gegen Diktatur“?
Der
Aufstand in Libyen erfreut sich von Anfang an
westlicher Sympathien, genießt doch der libysche
Staatschef im Westen ohnehin den Ruf eines wahlweise
„terroristischen“ oder einfach nur „verrückten“
„Diktators“, der mit seiner inneren und äußeren
Politik sowie seiner „undiplomatischen“ Attitüde immer
schon und noch immer ein „unberechenbarer“ Störenfried
„unserer“ Ordnung war und ist. Der Aufstand gegen ihn
muss unterstützt, Gaddafi gestürzt werden, darüber ist
man sich schnell einig. Warum aber brauchten im Falle
Tunesiens und Ägyptens europäische und amerikanische
Politik und Öffentlichkeit ein paar Tage, ja Wochen,
bis sie ihre Parteilichkeit sortiert hatten? Waren Ben
Ali und Mubarak etwa keine „Alleinherrscher“?
Wenn man
dieselben Maßstäbe wie an Gaddafi anlegen würde, aber
immer! Bloß in den Jahrzehnten ihrer Herrschaft fielen
nie solche Töne. Von ihnen wurde immer höflich als
„Präsidenten“ berichtet, hier fiel nie der hässliche
Vorwurf „Machthaber“ oder gar „Diktator“. Und warum?
Weil diese beiden mittlerweile davongejagten
Staatschefs immer als zuverlässige Verbündete der
westlichen Staaten regiert, als „Anker der Stabilität“
in einer „unruhigen“ Region alle antiwestlichen – und
speziell im Falle Mubaraks auch antiisraelischen –
Bestrebungen mit wenig zimperlicher Staatsgewalt unter
Kontrolle gehalten oder eliminiert haben. Deren
Herrschaftsmethoden sind daher nie „terroristisch“,
ihr Auftreten nie „verrückt“ genannt worden. Und ihre
Politik war „berechenbar“, weil fest an den Interessen
der westlichen Staaten orientiert.
Den Bonus
„Stabilitätsanker“ hat sich ein Gaddafi nie verdient.
Seine immerhin über 40-jährige Herrschaft war dem
Westen immer viel zu stabil. Und wenn ein
nordafrikanischer Hüter von Ölquellen seine
milliardenschweren Einnahmen u. a. dafür
verwendet, immer wieder von neuem Initiativen zu
ergreifen, die westliche Vorherrschaft im Orient und
in Afrika in Frage zu stellen und antiwestliche
Bewegungen weltweit zu unterstützen, dann verdient
diese sehr offensichtliche Politik den Vorwurf
„unberechenbar“; denn sie verweigert sich den
Berechnungen der Regierungszentralen in Washington und
anderen westlichen Hauptstädten. Zwar hat er in den
letzten Jahren viel von seiner Widerspenstigkeit
abgelegt und man hat sich mit ihm arrangiert,
unübersehbar war aber weiterhin sein Beharren auf
nationaler Selbstständigkeit und darauf, dass sein von
ihm aus den Sitten und Gebräuchen seines Kulturkreises
entwickelter diplomatischer Stil vom Westen als
gleichwertig anerkannt werde. Sein Öl, das er
zuverlässig lieferte, sein Geld, von dem er nicht
wenig in den Mutterländern des Kapitalismus anlegte,
seine Mithilfe beim Kampf gegen Elendsflüchtlinge,
sein ausdrücklicher Verzicht auf die Entwicklung von
Massenvernichtungswaffen samt Beitritt zum
Nichtweiterverbreitungsvertrag, seine Wiedergutmachung
für Lockerbie – gut und schön. Aber dieser Gaddafi
blieb ein „Problem“: Hielt er doch nicht damit hinter
dem Berg, dass er all diese Konzessionen nur gemacht
hatte, weil er seine immer neuen Anläufe, die
Weltordnung des Westens zu korrigieren, mit der
Selbstauflösung des Sozialistischen Lagers endgültig
zum Scheitern verurteilt sah. Daher blieb er trotz
aller nützlichen Dienste, die er dem Westen leistete,
– eben „unberechenbar“. Die westlichen Staaten
wussten, dass ihr Einfluss auf Gaddafis Libyen nicht
fest in dessen Staatsräson eingebaut war. Seine
diversen Kehrtwendungen sind für Westeuropa und
Nordamerika anders als die Frontwechsel z. B. in
Osteuropa keineswegs unumkehrbar. Vor allem
für Frankreich, das sich mit der Mittelmeerunion als
Vormacht des Mittelmeerraums zu etablieren versucht,
ist daher Gaddafis Libyen ein „weißer Fleck“, seine
Herrschaft ein „Regime“, weil er sich Frankreichs
Ordnungsanspruch nur bedingt fügt. Wenn dessen
Herrschaft nun durch einen Krieg mit bewaffneten
Aufständischen ins Wanken kommt, dann sieht sich der
Westen, und allen voran Frankreich, zur Kontrolle und
Einmischung herausgefordert, und sofort ist klar: Er
setzt auf Gaddafis Gegner und unterstützt sie in ihrem
Kampf: Sie sollen ihre Macht seiner Hilfe verdanken
und darüber als Anker einer künftigen prowestlichen
Herrschaft in einem Gaddafi-freien Libyen etabliert
werden.
Das haben
irgendwie auch z. B. Fernsehmoderatorinnen
mitgekriegt. Die tun aber so, als würden die Interessen
und Kalkulationen, die die großen Mächte im Fall
Libyen ins Spiel bringen, überhaupt keine Rolle
spielen. Sie zeigen Bilder von Soldaten, die auf protestierendes
Volk schießen; einmal sind es Truppen des Königs von
Bahrain, dann libysches Militär, und die
Moderatorinnen deuten auf die gleichen Szenen und
leiten aus dem, was sie sehen, ab: Wenn zwei
dasselbe tun, so es nicht dasselbe. Nur im letzteren
Fall lässt der Herrscher „auf
daseigeneVolk schießen“. Sie
erzählen zu Bildern von den bahrainischen Truppen, die
eine Massendemo zusammenschießen, dass dort des Königs
Soldaten keineswegs „auf das eigene Volk“,
sondern auf die „5.
Kolonne“ des schiitischen Gottesstaats Iran am
gegenüberliegenden Ufer des Golfs schießen, der die bahrainische Bevölkerungsmehrheit
schiitischer Konfession gegen ihren legitimen
Herrscher sunnitischen Glaubens aufgewiegelt habe, um
so die arabische Halbinsel mit unserem Erdöl zu
destabilisieren. „Auf das
eigene Volk schießen“ – das lässt nur der „Irre von
Tripolis“. Woran ein unbefangener Fernsehzuschauer
erkennen kann, dass Bilder keineswegs beweisen, was
Sache, also hier: wer gut und wer böse, wer schuldig
und wer unschuldig ist, sondern umgekehrt: Die vorab
feststehende Parteilichkeit für die Sache des Westens
präsentiert Bilder, an denen die Moderatorin
demonstriert, wer in Libyen Schurke und Opfer und wer
umgekehrt in Bahrain Opfer und Schurke ist. Daher
müssten die westlichen Mächte nun ganz selbstlos „den
Menschen in Libyen helfen“. Es sei ihre humanitäre
Pflicht, den Truppen Gaddafis, dem mit dem
Spruch „Er lässt auf das eigene Volk schießen“ das
Recht auf seine Herrschaft aberkannt wird, Bomben aufs
Haupt zu werfen. Und jeden Politiker in ihrer Sendung
drangsalieren sie eifernd mit der Aufforderung: „Wann
wird endlich der Einsatzbefehl gegeben?!“
Wenn sich
dann Außenminister Westerwelle in der UNO enthält,
Deutschland bei dem Militäreinsatz also nicht
mitmachen will, kriegt er ordentlich was zu hören:
Deutschland entzieht sich – Skandal! – seiner
„humanitären Verantwortung“. Ins selbe Horn stößt
Ex-Außenminister Joschka Fischer in einem Beitrag in
der „Süddeutschen“, der sich gar nicht einkriegt über
die „anti-humanitäre“ Pflichtvergessenheit des
Außenministers. Diese Eiferer reden gar nicht darüber,
was diese Aufsicht, die sich mit so viel Gewalt
versieht, eigentlich beinhaltet: nämlich das mit
überlegener Gewalt in Anspruch genommene Recht und die
Fähigkeit, auf andere Staaten Einfluss zu
nehmen und ihnen im Ernstfall den eigenen Willen
aufzuzwingen – und das tun diese Mächte gewiss nicht,
weil sie das Elend mancher Völker einfach nicht
ertragen. Nein, die Moderatorinnen und Fischer
behaupten allen Ernstes, der wirkliche und letzte
Grund für die staatlichen Waffenarsenale sei deren
Einsatz für die „Menschlichkeit“. Eine Zeitlang halten
sie das durch, nämlich solange es darum geht,
moralische Empörung zu schüren, ordentlich die Fronten
zwischen „gut“ und „böse“ aufzubauen. Es muss etwas
für die Parteilichkeit getan werden: „Gut“
sind selbstverständlich „wir“ und in diesem Fall auch
die Aufständischen, und der Kontrast dazu, „das Böse“,
muss auch richtig herausgearbeitet werden. Da darf es
keine Rolle spielen, dass das Volk, „auf das der
Diktator schießt“, offensichtlich sehr gespalten und
zum Teil gar nicht gegen den „Diktator“ ist: Die
Fernsehaufnahmen von Gaddafi-Anhängern sind dann halt
gestellt, vom „Diktator“ inszeniert, die Opfer, die
das libysche Staatsfernsehen in seiner moralischen
Gegenkampagne präsentiert, sind in Wirklichkeit gar
nicht da oder der „Diktator“ hat sie selber umgebracht
und hingelegt – kann man ja mal behaupten. Was die
Aufständischen denken und wollen, ist jetzt nicht
wichtig, denn wir sind ja für die, weil die gegen den
Tyrannen, also „freiheitsdurstig“, sind.
Wenn
diese moralische Erbauungspflicht erledigt ist, wissen
die Moderatorinnen und Fischer aber schon auch, dass
es doch um mehr geht, als um „gut“ und „böse“. Im
zweiten Teil seines Beitrags fallen dem
Ex-Außenminister plötzlich die „Sicherheitsinteressen
Europas und Deutschlands“ rund ums Mittelmeer ein, was
mit „Humanität“ gar nichts und alles mit Aufsicht und
Kontrolle zu tun hat. Da ist die angebliche
Pflichtvergessenheit eines Westerwelle gänzlich
anderer Natur: Das ist selbstverständlich „unser“
Einflussgebiet, und er versagt dabei, Deutschlands
Macht, natürlich zu Deutschlands Vorteil, auch
in dieser Gegend einzusetzen. Natürlich kann sich
jeder, der das unbedingt will, immer noch einbilden,
irgendwie und letztlich könnte das auch zum Vorteil
des armen libyschen Volkes – das einem früher übrigens
ziemlich egal war – sein. Und die Mächte, die jetzt
militärisch eingreifen, vergessen ja auch nicht, in
ihr weltöffentliches Morgengebet das libysche Volk
einzuschließen, bevor sie ihre Kampfbomber
losschicken, und für jeden Kollateralschaden
entschuldigen sie sich auch – es handle sich ja
schließlich um humanitäre Bomben. Dieser
Schein wird aber schon sehr strapaziert, wenn sich
diese Mächte mit der Frage beschäftigen, die zwischen
ihnen die entscheidende ist. Da hört man
aus der NATO und den einschlägigen Kreisen, dass ein
verbissener Kampf losgegangen ist, wer die Führung
bei dieser Kriegsaktion beanspruchen kann. In
deutschen Fernsehsendungen kann man Frankreich, das
sich bei der „humanitären Aktion“ anfänglich im
Vergleich zu Westerwelle vorbildlich verhalten hat,
plötzlich nicht mehr leiden, weil sein Chef – den man
jetzt „Klein-Napoleon“ nennt – sich mit Großbritannien
zusammentut und besonders heftig um die Führung
kämpft. Da durchschaut man hierzulande sehr schnell,
dass dieser Mann – außer dass er den Krieg „bloß wegen
Wählerstimmen angezettelt“ hat – damit auch einen
Führungsanspruch in Europa, speziell was die
Mittelmeer-Region angeht, anmeldet, und das geht
natürlich nicht, denn das richtet sich ja gegen „uns“.
Sarkozy kriegt schlechte Noten, weil man ihn gut
versteht – man denkt ja selber so. Und schon versteht
man Westerwelle besser: In eine Aktion, in der sich
Deutschland unterordnen soll, darf es sich
nicht hineinziehen lassen. Da muss man als Moderatorin
auch wieder Abstand nehmen von der Agitation mit
„Humanität“, denn es gibt ja Schlimmeres: zum
Beispiel, dass Deutschland Opfer französischer
„Machtspielchen“ wird. Um es noch einmal ausdrücklich
zu sagen: Noch jeder Krieg wird im Namen hoher Werte
geführt und selbstverständlich sind immer die anderen
die Bösen.
Vortrag und Diskussion mit Theo
Wentzke (Redakteur GEGENSTANDPUNKT)
zurück zur Übersicht Mittwoch, 12.01.2011,
18.00 Uhr, Universitäts,
Hörsaalgebäude,
Universitätsstraße 3, HS 12
Working Poor als
Sozialstaatsprogramm
Die
Hartz‑IV-Debatte: Öffentliche Hetze gegen Arbeitslose
und öffentliches Lob für Niedriglohn.
Die Politik hat eine
öffentliche Debatte über die
Arbeitslosenverwaltung eröffnet: Hartz IV
leiste nicht das, was es solle, nämlich durch
„Fördern und Fordern“ Arbeitslose wieder in
Arbeit zu bringen. Gemeinsam mit Westerwelle
soll sich der arbeitende und Steuer zahlende
Bürger darüber erregen, dass der Staat mit
Hartz‑IV-Geld für die Massen von Arbeitslosen,
für die Unternehmen keine lohnende Verwendung
haben, das Nichtstun fördert und so geradezu
Arbeitslosigkeit als Dauerzustand produziert:
„Wer dem Volk anstrengungslosen
Wohlstand verspricht, lädt zu altrömischer
Dekadenz ein.“ Diese Auslassung
fand sogar die veröffentlichte Meinung
ziemlich skandalös: Dass die Sozialkasse den
Millionen dauerhaft aus Arbeit und Lohn
Gefallenen gerade mal ein Notgeld für ein
staatlich definiertes „soziokulturelles
Existenzminimum“ zahlt – eine Einladung zur
Dekadenz und Wohlstandsdenken? Bloß – sind die
sozial gefärbten Einwände gegen Westerwelle
und die Rechtfertigungen der
Hartz‑IV-Leistungen, die dagegen laut geworden
sind, weniger skandalös: „Der Sozialstaat ist
Heimat“: 345 Euro und ein
paar streng bemessene Zulagen, damit soll der
Mensch in diesem Gemeinwesen aufgehoben und
die „freie Entfaltung seiner
Persönlichkeit“ (Prantl, SZ)
gewährleistet sein?
Wenn Politiker fordern „Arbeit
muss sich lohnen!“, meinen sie damit nicht etwa,
dass die Niedriglöhne steigen sollen. Mit bösem Blick
auf die Millionen Arbeitslosen versprechen sie, alles
wirtschaftlich Vertretbare zu unternehmen, damit bei
denen eines nicht geht: „anstrengungsloser
Wohlstand“. „Wer früh aufsteht und arbeitet, muss
mehr haben, als einer, der im Bett liegen bleibt und
nichts tut!“ (Westerwelle). Das ist
Gerechtigkeit in ihrer widerlichsten Form.
In Talkshows wird munter über
die Arbeitsmoral der Arbeitslosen, aber auch über den
Anstand von Politikern schwadroniert, die sich allzu
abfällig über selbige äußern. Die Frage, ob und wenn
nicht, wie dennoch die Hartz‑IV-Sätze zu den
Menschenrechten passen, wird für ebenso politisch
brisant gehalten wie die Abwägung, ob man nicht eher
Bankern vorwerfen solle, „Lohn ohne Leistung“
abzugreifen, als den Arbeitslosen – schon wegen der
augenfälligen Differenz der Geldbeträge.
Nebenbei kommt ab und zu
zur Sprache, was die Agenda 2010 sachlich zustande brachte. Immerhin
äußert sich Altkanzler Schröder über seine Reform
sehr zufrieden: „Wir haben in Deutschland
einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, die
es in Europa gibt!“ Florian Gerster, unter
Schröder Chef der Bundesagentur für Arbeit, hält
folgendes für ein Lob: „Inzwischen sind 20% der
Arbeitsplätze in Deutschland im Niedriglohnbereich
angesiedelt.“ Andererseits ist die Zahl
der Arbeitslosen nicht entscheidend zurückgegangen.
Die „Hetze“ gegen die
Dauerarbeitslosen halten manche für überzogen und
kritisieren, dass das Thema „populistisch“ in den
NRW-Wahlkampf gezogen werde. Einig sind sich Politiker
und Presse jedoch in einem: Dass immer mehr
Lohnabhängige mit und ohne Arbeit am Existenzminimum
leben, ist ganz normal. Nicht haltbar aber findet man,
dass diejenigen, für die einfach kein Unternehmen
rentable Verwendung hat, sich notgedrungen damit
abfinden und ihre Anstrengung darauf konzentrieren,
mit der mickrigen staatlichen Stütze zurechtzukommen.
Das nennen sie „sich im sozialen Netz einrichten“, um
den Betroffenen ihre Lagezum
Vorwurf zu machen: Sie bemühen sich eben nicht mehr
darum, sich für ihr Existenzminimum irgendwie auch
produktiv nützlich zu machen. Sie „akzeptieren“ den
Status „arbeitslos“, und das darf nicht sein! Also ist
mal wieder eine Reform des Sozialstaats angesagt, um
die „Hartzler“ irgendwie nützlich und vielleicht auch
kostengünstiger zu machen.
Dass Arbeiten im
Niedriglohnbereich für die Menschen das
Lebensnotwendige nicht abwirft, gilt nicht als
Skandal, sondern ist als unerlässliche Voraussetzung
für den Fortschritt der Konkurrenzfähigkeit des
Wirtschaftsstandorts Deutschland seit Schröders Agenda
2010 Staatsprogramm. Zum Skandal erklärt die Politik,
dass angesichts dessen Hartz‑IV-„Kunden“ womöglich zu
dem Schluss kommen, dass sich das Arbeiten nicht
lohnt. Das ist ein paar aktuelle und grundsätzliche
Überlegungen wert zum kapitalistischen Arbeitsmarkt
und zum Sozialstaat, der ihn betreut:
Warum kann die Wirtschaft nur
wachsen, wenn ein wachsender Teil der Beschäftigten
für Löhne arbeiten muss, von denen man trotz
Vollzeitarbeit nicht leben kann?
Vortrag und Diskussion mit Theo
Wentzke (Redakteur GEGENSTANDPUNKT)
Noch ein
Patentrezept gegen die Übel des Kapitalismus
Die kapitalistische Wirtschaft produziert mit dem
Reichtum der einen die Armut der anderen – und zwar
immer mehr von beidem. Der zur Gewinnsteigerung
eingesetzte technische Fortschritt in Werkstätten
und Büros erhöht die Leistung des einzelnen
Beschäftigten für die Firma und erspart ihr die
Bezahlung von Lohn für eingesparte Arbeit; derselbe
Fortschritt macht daher Arbeitskräfte überflüssig
und bringt sie um ihre Erwerbsquelle. Das
Millionen-Heer der Einkommenslosen ist gezwungen,
sich den Unternehmern um jeden Preis anzubieten; was
diesen wieder erlaubt, ganz allgemein die Löhne zu
drücken, so dass mit dem Reichtum der Kapitaleigner
nicht nur die Zahl der armen Arbeitslosen steigt,
sondern auch die der „working poor“. Dagegen ließ
sich nach allgemeinem Dafürhalten nichts machen, bis
ein paar kluge Leute eine Idee hatten: Die
Gesellschaft muss den armen Leuten ein
Grundeinkommen zahlen, dann sind sie nicht mehr arm.
Verblüffend! Warum ist man da nicht früher darauf
gekommen? „Unsere Wirtschaft“ holt aus dem
Produktionsfaktor Arbeit alles heraus; knappst an
jedem Cent Lohn herum, streicht Arbeitspausen,
erhöht das Tempo – alles damit der Arbeiter der
Firma noch mehr Gewinn einbringt und einen noch
kleineren Teil seiner Wertschöpfung als Lohn nach
Hause trägt. Dabei soll es nach Auffassung der Leute
mit der neuen Idee im Prinzip auch bleiben. Wenn die
Entlassenen und die Billigarbeiter wegen dieses
ökonomischen Prinzips arm und mittellos werden,
schenken „wir“ als Gesellschaft ihnen einfach das
Geld, das „wir“ als Wirtschaft sie nicht oder immer
weniger verdienen lassen. Erst soll mit allen
Mitteln kapitalistisch Geld gemacht werden, und dann
will man es ganz und gar unkapitalistisch
ausgegeben, nämlich umverteilen. Hätten sich die
Reichen das Ausbeuten nicht gleich sparen können,
wenn seine Ergebnisse hinterher teilweise rückgängig
gemacht werden sollen?
*
Zum
Weinen sind die Kontroversen, die diese schöne Idee
auslöst: Wo immer sie diskutiert wird, werden zwei
Einwände laut: Wer soll das bezahlen? Und wer wird
die Drecksarbeit machen, wenn die Menschen auch ohne
Arbeit bescheiden leben können? Die Zweifler stellen
sich gleich auf den Standpunkt des kapitalistischen
Wirtschaftens und halten den Verbesserungsvorschlag
für unrealistisch: Erstens ist im Kapitalismus
nirgendwo Geld übrig, das für Umverteilung zur
Verfügung stünde. Zweitens darf der Zwangscharakter
der Lohnarbeit nicht abgeschwächt werden, denn ohne
echte Not – da kennt sich der Realist aus – würde
sich keiner für sie hergeben. Mit diesen zynischen
Wahrheiten kritisieren diese Leute freilich nicht
den Kapitalismus; sondern den Versuch, ihn durch ein
Grundeinkommen zu humanisieren. Die Anhänger der
guten Idee weisen diese Sorte Realismus nicht
zurück, sondern rechtfertigen sich vor ihm: Sie
versichern, das Grundeinkommen sei nicht nur
verträglich mit der Profitmacherei, sondern würde
sie ganz besonders befruchten und voranbringen;
außerdem müsse niemand fürchten, dass der „Anreiz“
zur Arbeit verloren geht, das Grundeinkommen werde
schon niedrig genug angesetzt.
*
Zeitgenossen, die diese
versponnene Kombination aus sozialpolitischem
Idealismus und kapitalistischem Realismus attraktiv
finden, könnten sich durch diese Zeilen zum
Widerspruch herausgefordert fühlen – umso besser.
Zeit und Ort, um den Widerspruch auszutragen, stehen
fest:
Vortrag und Diskussion mit Peter
Decker (Redakteur GEGENSTANDPUNKT)
Sarrazins Buch wurde
zum Skandal, weil es den politischen Anstand
verletzt; so darf man nicht über die soziale
Unterschicht im Allgemeinen und muslimische
Zuwanderer im Besonderen reden: Der
„Nestbeschmutzer“ schade dem Ruf eines weltoffenen
Gemeinwesens; „wenig hilfreich“ seien solche Töne
bei der Integration problematischer Volksgruppen,
sogar „eine Gefahr für Deutschland“: Lauter Hinweise
auf die politische Sache, die Sarrazin und seine
Gegner eint! Die Elite der Nation diskutiert über
ihr Volk – und ist unzufrieden mit Zustand wie
Benehmen der niederen Stände.
1. Darum sagen
fast alle: Mit seiner Diagnose hat Sarrazin im
Prinzip recht. Ja, es gibt eine starke Minderheit
„nicht-integrierter“ Menschen, auf die das Etikett
„Parallelgesellschaft“ zutrifft; Teile der
ausländischen Unterschicht sind
„Integrationsverweigerer“, haben sich im
Sozialsystem eingehaust und sind also ein Problem –
für dieselbe Nation, die ihnen Probleme bereitet. Die Diagnose ist ein Zerrbild! 356€ Hartz IV
nebst Zusatzzahlungen sollen ein unverdienter Reichtum
sein, in dem sich Unterschichtler häuslich einrichten
und zum Nichtstun und Kinderwerfen animieren lassen?
Und: Stehen diese Volksgruppen wirklich außerhalb der
freien Marktwirtschaft? Ist ihre soziale Randlage
nicht eher Produkt einer Wirtschaft, die mit lohnender
Arbeitsleistung kalkuliert und deshalb Millionen für
unbrauchbar erklärt? „Entziehen“ sich Arbeitslose und
Wohngeldbezieher dem alltäglichen Überlebenskampf, ist
„Obst- und Gemüsehandel“ in den Elendsvierteln eine
Frage der Lebensart? Oder ist der verarmte Bodensatz
unserer „Leistungsgesellschaft“ der zum weltweiten
Kapitalismus dazugehörige menschliche Abfall?
2. Auch über den aus der Diagnose
folgenden Imperativ herrscht Einigkeit: Prekariat
& Ausländer müssen „sich integrieren“. In
was eigentlich? Die Antwort stellt klar, dass
Integration weniger ein Angebot ist, sozial
Schwachen und Fremden beim Zurechtkommen zu helfen,
als eine praktizierer Zynismus: Die notorischen
Verlierer des Kapitalismus sollen sich unverdrossen
bemühen, sich in die Verhältnisse zu integrieren,
die sie dazu gemacht haben, was sie sind, sie sich
also als Chance und Angebot zurechtlegen und sich
die Bewährung darin als Lebenssitte zu eigen machen.
3. Richtig übel nimmt die regierende Elite
Sarrazin dagegen seine Begründung. Natürlich sei die
Kriminalitätsrate hoch und die demografische
Entwicklung besorgniserregend; natürlich lasse die
„Integrationsbereitschaft“ zu wünschen übrig, v. a. in
„sozialen Brennpunkten“ und bei „Jugendlichen mit
Migrationshintergrund“. Dennoch seien Anpassungswille
und -fähigkeit ganzer Bevölkerungsteile „nicht
pauschal“ zu bestreiten; erst recht beweise die
zunehmende Existenz solcher Problemfälle kein
generelles „Scheitern“ von Integration. Darin besteht die
Entzweiung: Der Mann mobilisiert die Sorge um
Deutschlands Zukunft gegen die Integrationspolitik der
amtierenden Elite; die schlägt auf derselben Ebene
zurück: Sie erklärt den Übergang zum Rassismus der
„Intelligenz“ bzw. „Volksnatur“ für unvereinbar mit
dem demokratischen Selektionsprinzip der
Chancengleichheit, sie verteidigt Integration als
gelungene Mischung aus Einspannen nützlicher
Dienstleister und Härte gegen Schmarotzer. So wollen
Merkel und Gabriel ihr nationalistisch verdorbenes
Volk dem „Populisten“ Sarrazin abspenstig machen:
Sortierung und Beaufsichtigung der nationalen
Manövriermasse aus aller Herren Länder sind bei ihnen
gut aufgehoben.Das Volk
darf also wählen: mehr Ausgrenzen oder besser
Einbinden – was für eine Alternative!
4. Die Sache selber – die
Lebensbedingungen, Gesetze und Sitten der Nation, an
die sich angepasst werden soll, d.h. Deutschland –
kommt in dieser furchtbaren Debatte gar nicht zur
Sprache bzw. entschieden zu gut weg, indem sie als
unumstößlich also als das Maß aller Dinge
vorausgesetzt wird!
Stoff
genug für die Frage: Integration – was istdas, wie geht das undwarum ist sie so umstritten?
Vortrag und Diskussion mit Theo
Wentzke (Redakteur GEGENSTANDPUNKT)
Der natürlich
gänzlich unpolitische Sonntagspatriotismus
Von Lenas Gesangskünsten
kann man ja halten was man will. Offensichtlich geht
es darum aber auch gar nicht. „Unsere Lena“ hat
gewonnen, Deutschland hat gesiegt und das wird von den
Deutschen ausgiebig gefeiert. Die Nation ist im
„Lena-Fieber“, überall feiern schwarz-rot-gold
beflaggte Menschen Siegespartys und liegen sich
begeistert in den Armen. Und am nächsten Tag bereiten
– von der ARD live übertragen – tausende ausgerastete
Fans in Hannover Lena einen überschwänglichen Empfang.
Auch die Politik lässt sich nicht lumpen:
Ministerpräsident Wulff holt Lena vom Flieger ab, die
Kanzlerin hat Grüße aufgetragen und das
Bundesverdienstkreuz ist auch gleich im Gespräch.
So
unpolitisch dieser Partypatriotismus erst mal
daherkommt – wirft er doch die Frage auf, ob er
tatsächlich so unpolitisch und harmlos ist. Und auch
weitere Fragen nach den Ursachen und Folgen dieses
Gefühlsausbruches:
Was
ist eigentlich der Inhalt der Feierlichkeit?
Was
ist die Grundlage des Heimat- und Nationalgefühls,
des „wir Deutsche“?
Stimmt
das mit dem „wir“ eigentlich?
Was
schätzen Politiker so an der Partystimmung, dass
sie diese Feiern für die Deutschlandfans
organisieren?
PS:
Die nächste nationale
Feierlichkeit findet mit der Fußball-WM gerade statt.
Der „Bild“-Reporter bei Lenas Ankunft in Hannover hat
es mitbekommen: „Hier herrscht Fußball-Atmosphäre. Die
Leute haben Deutschland-Trikots an und halten Plakate
mit der Aufschrift ,Lena, du bist geil!' hoch.“
Die Eurokrise - wenn Staaten ihren Kredit
verlieren...
Über das Zusammenwirken und den Gegensatz von politischer Macht und Finanzkapital.
Die Finanzkrise geht in die nächste
Runde und ruiniert Instanzen, die bisher als mächtige
Retter der Banken und der Konjunktur aufgetreten sind:
Souveräne Staaten und Währungen verlieren ihren Kredit.
– Als erster Euro-Staat hat Griechenland seinen Kredit
verloren; als nächste sind Portugal, Irland und Spanien
ins Visier des Finanzkapitals gekommen, und auch der
Kredit des G 7/8-Mitglieds Italien ist längst in Zweifel
gezogen.
Schon wieder erschüttert ein
Akt der Spekulation die Welt und liefert einiges zur
Aufklärung über die kapitalistische Welt: über das
moderne Geld, über die Grundlagen der Finanzmacht der
Staaten, über den inneren Imperialismus in der
Europäischen Union und über die waghalsige
Konstruktion einer gemeinsamen europäischen
Weltwährung für 16 Nationen, die sich im
Maastricht-Vertrag auf Konkurrenz gegeneinander
verpflichtet und Finanzhilfen („Bail-out“) zur
Abwendung drohender Staatspleiten ausdrücklich
ausgeschlossen haben.
Und was bekommt das deutsche
Publikum zu den dramatischen Vorgängen von Regierung
und Medien mitgeteilt? Nichts als Unsinn und
nationalistische Angeberei!
„Die Griechen (Portugiesen,
Iren, Spanier, Italiener …) sind selber schuld!“,
heißt es; sie hätten über ihre Verhältnisse gelebt; zu
viel importiert und konsumiert, zu wenig gearbeitet
und exportiert. Zu einer Außenhandelsbilanz aber
gehören zwei Seiten! Der deutsche Export-Europameister
erzielt Überschüsse im europäischen Handel haargenau
in dem Maß, wie andere Länder – von überlegener
Kapitalmacht und mit Kampfpreisen niederkonkurriert –
Defizite ansammeln. Die griechische Pleite und der
Zweifel an der Kreditwürdigkeit anderer Euro-Länder
mit Importüberschuss ist das Spiegelbildes deutschen
Erfolgs. Der EU-Binnenmarkt ist kein
Kooperationsprojekt zur gegenseitigen Unterstützung
befreundeter Völker, sondern ein Kampfplatz der
Nationen, auf dem jede die Partner für ihr
Kapitalwachstum ausnutzen will. Den Siegern stehen
daher notwendig Verlierer gegenüber.
„Die Griechen können ihre
Schulden nicht mehr zurückzahlen! – Die anderen bald
auch nicht mehr, wenn sie so weitermachen!“, lautet
der Vorwurf. Als ob das irgendein anderer Staat
innerhalb oder außerhalb der EU könnte. Alle tilgen
sie Schulden, indem sie neue machen. Und stets machen
sie mehr neue Schulden als sie alte tilgen. Die Not
Griechenlands besteht darin, dass es für neue
Staatsschulden keine Käufer mehr findet, und der
Schaden der anderen resultiert daraus, dass die
Zinsdifferenz, die sie im Vergleich zu Deutschland für
neue Anleihen bezahlen müssen, immer größer wird undso
immer größere Teile ihrer Staatshaushalte für den
Schuldendienst draufgehen. Finanzkapitalisten halten
diese Staaten nicht mehr für sichere Zinsmaschinen –
und entmachten sie dadurch, dass sie ihnen die
Platzierung von Staatsanleihen immer teurer machen.
„Die überschuldeten Staaten
müssen ihre Probleme selbst lösen; ihre Schulden sind
nicht unsere!“ – Unsinn! Längst beschädigt der
drohende Bankrott Griechenlands und die von den
Ratingagenturen herabgestufte Kreditwürdigkeit anderer
Euro-Staaten den Euro. Die Schulden Griechenlands,
Spaniens usw. einerseits und die Deutschlands lassen
sich eben nicht mehr ganz trennen, wenn sie in
derselben Währung anfallen. Die europäischen Partner
fragen sich nur noch, ob sieden Euro mehr schädigen,
wenn sie Staatsbankrotte in der Gemeinschafts-Währung
zulassen oder wenn sie sie durch neue
Milliarden-Bürgschaften abwenden. So oder so
demonstrieren die „Unfähigkeit“ Griechenlands und die
zunehmenden Schwierigkeiten einer Reihe anderer
Euro-Staaten, Schulden zu tragbaren Zinsen am Markt
unterzubringen, ein Misstrauender globalen
Finanzkapitalisten gegen Europa und sein Geld.
„Wenn wir Griechenland doch
helfen, dann nur unter strengen Sparauflagen und
voller Kontrolle des Staatshaushalts!“ (Merkel) Die
Kanzlerin führt sich auf wie die Herrin im Haus
Europa: „Wir“ sind als Geldgeber gefragt, „wir“ haben
die Mittel, also diktieren „wir“ auch die Bedingungen!
Sie will die Krise, von der sie noch gar nicht weiß,
wie viel die von der deutschen Kreditmacht übrig
lässt, als Gelegenheit nutzen, die Unterordnung der
Partner unter deutsche (Finanz-)Aufsicht
voranzutreiben und ihnen ihre Souveränität abzukaufen. Für die Griechen
und die anderen Euro-Staaten im Visier der
„Spekulanten“ ist geboten: Sie müssen hart sparen,
also noch viel ärmer werden, als sie ohnehin schon
sind, um ihre Staatsausgaben ihrer „impotenten“
Wirtschaft anzupassen. Das braucht „unser“ harter
Euro.
Bei all den imperialistischen
Dummheiten und Frechheiten istes höchste Zeit, dass
man sich die neue politökonomischeWeltlage erklärt,
damit man sich nicht für „Sanierungs“programme
vereinnahmen lässt.
Vortrag und Diskussion mit Theo
Wentzke (Redakteur GEGENSTANDPUNKT)
Wie sich Griechenland in
den Bankrott gewirtschaftet hat, ist für den
öffentlichen Sachverstand keine Frage: „Über seine
Verhältnisse gelebt“ hat das Land, der Staat und
all seine Bevölkerung: 'Korruption, keine Steuermoral,
überbezahlte überflüssige Staatsbedienstete, und den
europäischen Aufsehern seine wahren Bilanzen
verheimlicht! Mitten in Europa gegen alle guten Sitten
der europäischen Wirtschafts- und Währungsunion
verstoßen! Klar, dass das nicht gutgehen konnte – und
jetzt die soliden europäischen Nationen, ‚uns‘ und
‚unseren Euro bedroht!‘ So ungefähr soll man sich das
vorstellen. Ein ungerechtes Urteil. Niemand hat sich ja
im Bezug auf Griechenland wirklich etwas vorgemacht, das
Land gehört außerdem seit nicht wenigen Jahren wie alle
anderen zur europäischen Union – und anders
gewirtschaftet haben die anderen Nationen schon gleich
nicht. Dem Land ist nur – was seine nationale Bilanz
angeht – seine Mitgliedschaft nicht zum Guten geraten.
Im weiteren aber deckt seine ökonomische Notlage die
Krisenlage der gesamten Euro-Staatengemeinschaft auf;
und damit auch den Widerspruch des Euro: Da wirtschaften
konkurrierende Staaten auf nationale Rechnung in
einem gemeinsamen Geld. Insofern ist
Griechenlands aktuelle Pleite auch ein Offenbarungseid
in Sachen Fortschritt Europas. Deswegen haben dessen
Hauptakteure auch alle Hände voll zu tun, den drohenden
Bankrott als Sonderfall Griechenland zu behandeln, durch
ein europäisch verordnetes Haushaltsregime einzudämmen –
um finanzkapitalistisches Vertrauen in den Euro
insgesamt zu stiften. Der griechische Staat soll sich
durch Verelendung wieder kreditwürdig machen. Ein
schöner Auftrag.
Vortrag und Diskussion mit Theo
Wentzke (Redakteur GEGENSTANDPUNKT)
Arbeit gegen Geld – das Kommando des
Kapitals über die Arbeitskraft, seine
gewerkschaftliche Mitgestaltung und seine
sozialstaatliche Regelung
Um den Lohn haben die, die
von ihm lebenmüssen,
einmal gekämpft, um von ihm leben zu können. Das – so
lehrte sie die tägliche Erfahrung ihrer ruinösen
Lohnarbeit – muss ihren Anwendern, die mit ihrem Lohn
als Kost in ihrer Gewinnrechnung kalkulieren, abgerungen
werden. Alsoverweigerten
sie spontan oder auch schon gewerkschaftlich organisiert
die Bereitschaft, zu den gegebenen Bedingungen
weiterzuarbeiten, um unter möglichst verbesserten wieder
anzutreten.
Ein paar Jahrzehnte später hatte es den Anschein, als
sei die Lohnfrage erledigt, als müsste das
Proletariat, das seit dieserZeit
„die Arbeitnehmer“ heißt, nicht mehr um seine Existenz
fürchten. Das Kämpfen schien obsolet: Gewerkschaften
sorgten tarifvertraglich geregelt für
Lohngerechtigkeit, Betriebsräte für die Mitwirkung im
Unternehmen und Politiker dafür, dass die
Marktwirtschaft auch „sozial“ ausgestaltet ist.
Heute
ist die Lohnfrage wieder aktuell: Die Unternehmer haben
– mit der Berufung auf ihre Konkurrenz und der Berufung
auf die Wirtschafts- und die Finanzkrise – mehr Arbeit
und freiereVerfügung über
dieArbeitskraft für
weniger Lohn auf die nationale Tagesordnung gesetzt. In
Anbetracht dessen, dass sie auf der Unvereinbarkeit von
kapitalistischem Wachstumserfolg mit demLebensunterhalt der lohnabhängig Beschäftigten
bestehen, leisten sich letztere dieAuffassung, das
Gegenteil sei der Fall: „Arbeit
verdient ihren Lohn“, „sei zu Leben da“, „Leistung
lohne sich“ und „Beschäftigung ist überhaupt das
höchste Gut“ – zumindest „imPrinzip“,
„eigentlich“ u.s.w...
Wer da wohl recht behält?
Zur Klärung des Verhältnisses von Lohn und Leistung,
Arbeiten und Leben im Kapitalismus laden wir ein
zu
Vortrag und Diskussion mit Theo
Wentzke (Redakteur GEGENSTANDPUNKT)
Das Grundgesetz begeht
seinen 60. Geburtstag – und die Nation ist aufgerufen,
zu feiern und sich für den Genuss der Freiheiten zu
begeistern, die die staatliche Ordnung ihren Bürgern so
großzügig gewährt. Dass im Reich der Freiheit alle
Unternehmungen des Einzelnen von der Arbeitsplatzsuche
bis zur Familiengründung unter dem staatlichen Vorbehalt
des Dürfens stehen und selbst die Meinungsäußerung eine
Frage der Erlaubnis ist, erscheint niemandem weiter
fragwürdig. Vielmehr herrscht eine grundsätzliche
Dankbarkeit gegenüber der staatlichen Hoheit, dass man
im freiheitlichsten Gemeinwesen, das je auf deutschem
Boden existierte, leben darf.
Die Frage nach den
Vorteilen dieser Ordnung für diejenigen, die darunter zu
leben haben, ist gemeinhin von den Lizenznehmern der
Freiheit längst im Sinne des großen demokratischen
Gewährers aller dieser schönen Erlaubnisse beantwortet.
Die vom demokratischen Rechtsstaat in Kraft gesetzten
Zwänge des kapitalistischen Wirtschaftslebens erscheinen
den Bürgern nämlich wie naturgegebene Lebensbedingungen,
die man als Mittel begreift, um in aller Freiheit für
sich daraus das Beste zu machen. Vom Geld über den
Arbeitsmarkt bis zu Sozialstaat, Familie und Schule
werden alle staatlich unterhaltenen gesellschaftlichen
Einrichtungen als eine Welt voller Chancen für die
Verwirklichung eigener Anliegen betrachtet. Merkwürdig
ist nur, dass aus den schönen Gelegenheiten zur freien
Entfaltung der selbstbestimmten Persönlichkeit für die
große Mehrheit der Bevölkerung wenig bis gar nichts wird
– und heutzutage bereits die Verfügung über einen
Arbeitsplatz mit wenig Lohn und dafür umso mehr Leistung
das Optimum dessen bildet, was der Normalsterbliche im
Reich der Freiheit zu erwarten hat.
Die Veranstaltung will die
Lücke einer objektiven Bilanz von Kosten und Nutzen der
freiheitlich-demokratischen Grundordnung schließen,
indem sie die Leistungen eines politischen Gemeinwesens
prüft, das Freiheit, Gleichheit, Eigentum,
Menschenwürde, Demokratie und Sozialstaat auf seine
Fahnen geschrieben hat. Die Antworten auf die Frage nach
dem Gebrauchswert der staatlichen Ordnung fallen
freilich ein wenig anders aus als in den üblichen
Festtagsreden. Anders auch als die gängige linke
Gesellschaftskritik, welche die schlechte
Verfassungswirklichkeit des Sozialstaatsabbaus, der
ungleichen Vermögensverteilung oder der
menschenverachtenden Asylpraxis als Verstoß gegen
Buchstaben und Geist der Verfassungsnormen ansieht und
alle sozialen Missstände auf nicht eingelöste
Verfassungsversprechen oder auf ein Zuwenig an Freiheit,
Gleichheit und Sozialstaat zurückzuführen pflegt.
Albert Krölls stellt sein
im VSA-Verlag erschienenes Buch "Das Grundgesetz - ein
Grund zum Feiern? Eine Streitschrift gegen den
Verfassungspatriotismus." vor und zur Diskussion
Wie der
Kapitalismus das Klima versaut und worum
die Staaten sich streiten
Seit
Jahrzehnten rechnen Wissenschaftler vor, dass die
zunehmende Erderwärmung durch Treibhausgase verheerende
Folgen zeitigen wird. Dürren hier und Überschwemmungen
dort machen das Leben von Abermillionen auf dem Globus
auf neue Weise zu einer unsicheren Sache. Als Ursache
dafür gilt in der Öffentlichkeit gemeinhein nicht das
weltumspannende kapitalistische Wachstum, das seit jeher
die Atmosphäre als kostenlose Müllkippe für seine
diversen Emissionen nutzt, sondern der Mensch.
Die Staaten,
die auf ihrem Standort das Wachstum des Kapitals wollen
und befördern, hat das alles nie beeindruckt. Erst eine
nationale Bilanz eigener Art hat sie hellhörig gemacht.
Der Klimawandel ist womöglich teuer und trägt allein
Deutschland bis 2050 an die 330 Milliarden Verluste ein.
Während sich der Mensch mit der Rolle des Verursachers
bescheiden muss, darf also das Geschäft als prominentes
Opfer des Klimawandels aufmarschieren, den es selbst
herbeiführt.
Seitdem tobt
ein erbitterter Streit in der Staatenwelt um die Frage,
wer wem Klimaziele und moderne Technologie wie Windräder
oder Solarzellen aufherrschen kann, die die eigene
Konkurrenzposition im Weltgeschäft nicht schmälern,
sondern befördern, auf Kosten der anderen eben.
Gleichzeitig betreiben selbsternannte Klimapäpste wie
Bundeskanzlerin Merkel eine Energiepolitik, bei der
brandgefährliche Atommeiler und gewaltige
Dreckschleudern wie neue Braunkohlekraftwerke bequem
Platz finden zwischen den ökologischen Windrädern.
Ein deutlicher
Hinweis darauf, dass unter dem Firmenschild
„Klimaschutz“ ein etwas anderes Projekt verfolgt wird
als die Rettung des blauen Planeten vor den eigenen
Emissionen. Die fossilen Energieträger sind nämlich
nicht nur endlich, sondern durch die neue Weltlage seit
dem amerikanischen Antiterrorkrieg engültig unsicher
geworden. Energie ist der universelle Schmierstoff der
kapitalistischen Ökonomien und deswegen unter den
Staaten ein Streitgegenstand, der sogar das Zeug zum
Kriegsgrund hat. Eine weltkrisenfeste Energiebasis der
Nation muss also her, natürlich im Namen des weltweiten
Klimawandels und der betroffenen Menschheit.
Insofern
täuscht sich der Protest gegen den Klimagipfel, der der
großen Politik Verantwortungslosigkeit in Klimafragen
vorhält und sie so an ihre eigentlichen Pflichten
erinnern will. Der Staat erlegt zwar täglich anderen
Pflichten auf, vom Autofahrer bis zum Hartz
IV-Empfänger, steht aber selbst nicht in der Pflicht.
Schon gar nicht gegenüber bloß eingebildeten
Menschheitszielen auf der politischen Agenda wie dem
Klimaschutz.
Vortrag und Diskussion mit Rolf
Röhrig (Redakteur GEGENSTANDPUNKT)
„Wohlstands-
und Überflussgesellschaft“,
„Konsumterror – Konsumentenmacht“
Konsum und
Konsumkritik im Kapitalismus
Wir leben, so die weit
verbreitete Ansicht, in einer „Wohlstandsgesellschaft“;
damit
soll eine Gesellschaft gemeint sein, die der
Bevölkerung die Befriedigung der materiellen
Bedürfnisse ermöglicht. Dabei sieht die Sache bei
einem Blick in die Welt ein wenig anders aus: Dort
gibt es von jeder Ware eine Luxus- und ein
Billigversion. Und diese Unterscheidung beschränkt
sich keineswegs nur auf die Terminologie oder den
Preis, sondern betrifft regelmäßig auch die
Gebrauchstauglichkeit des Produkts. Stutzen lässt
einen außerdem auch der Umstand, dass in den
Tarifverhandlungen um jeden Euro gekämpft wird, also
der Zugriff der Arbeitnehmer auf den vorhandenen
Wohlstand offensichtlich eine sehr relative
Angelegenheit ist: Die Befüllung des Geldbeutels
entscheidet über die Gültigkeit und Reichweite der
Bedürfnisse, die die Leute haben.
Diese Einwände
haben jedoch nichts gemein mit denlandläufigen kritischen Stimmen; denn auch
diese teilen den Ausgangspunkt, dass der Endzweck
allen Wirtschaftens der gesellschaftliche Konsum sei,
wenn sie von einer „Überflussgesellschaft“
sprechen: Die Gesellschaft laboriert – so der Vorwurf
– nämlich angeblich an einem Zuviel an Gütern und
Konsum und nicht etwa daran, dass die, die Produkte
brauchen, sie nur unter dem Vorbehalt der
Zahlungsfähigkeit bekommen. Der kritisierte
„Konsumterror“ lauert in jeder Einkaufspassage und
kommt jeden Abend mit der TV-Werbung ins Haus, die mit
ihrer Manipulation „künstliche Bedürfnisse“ kreiert,
damit die Kassen klingeln. Als fremdgesteuerter
Autofahrer versaut er dann das Klima. Dieses Argument
ist genauso blöd wie das, wonach die Konsumenten mit
ihrer Geiz-ist-geil-Mentalität die Fleischindustrie
glattweg dazu gezwungen haben, Gammelfleisch unters
Volk zu bringen.
So kommt „König
Kunde“ in den Genuss einer Doppelrolle: Als
Konsument darf er zum einen dem Kapitalismus für eine
Versorgung danken, die so gar nicht im Programm ist.
Und zum anderen wird er als Konsument für die
schädlichen Wirkungen verantwortlich gemacht, die das
kapitalistische Wachstum tatsächlich auf Natur und
Gesundheit hat.
Welche Rolle spielt der Konsum in der Marktwirtschaft?
Was ist dran an den gängigen Ideologien über den
„König Kunde“? Und : Was ist dran an den
vermeintlichen Tricks der Werbung und der viel
gerühmten Konsumentenmacht? Diese Fragen wird die
Veranstaltung klären.
Vortrag und Diskussion mit Dr. Theo Wentzke (Redakteur
GEGENSTANDPUNKT)
Die Weltwirtschaftskrise – ein Crashkurs über das
Verhältnis von Arbeit und Reichtum im
Kapitalismus
Als vor
einem Jahr die Finanzmärkte zusammenbrachen und die
Realwirtschaft in bis dahin ungekanntem Tempo
schrumpfte, kam der Kapitalismus ins Gerede. Leider sehr
verkehrt. Auf die Diagnose: "Der Kapitalismus
funktioniert nicht mehr", antworteten Volk und Elite mit
dem dringenden Wunsch: Er möge schleunigst wieder
funktionieren.
Inzwischen
gibt es gute Nachrichten: Die vom Staat geretteten
Banken machen weiter wie bisher und verdienen schon
wieder zweistellige Milliardenbeträge; die
Realwirtschaft schrumpft seit ein paar Monaten nicht
weiter und die allgemeine Stimmung schaltet auf
Optimismus. Zwar steht in allen Zeitungen, dass die
Pleiten zunehmen werden, die Sanierung und
Verschlankung der Firmen gerade in Gang kommt, und
dass aus beiden Gründen ein großer Abbau von
Arbeitsplätzen erst noch zu erwarten steht – aber
das zählt wenig angesichts dessen, dass "die Welt
doch nicht untergeht"; ein weiterer Schub der
Verarmung von größeren oder kleineren Teilen der
Bevölkerung ist als Preis des ersehnten Aufschwungs
schon abgehakt.
*
Bewegt
von der Sorge, der Kapitalismus könnte womöglich nicht
mehr als Lebensgrundlage der Nation taugen, und voll
der Hoffnung, dass er doch wieder in Ordnung kommt,
stellt sich schon wieder kein Schwein die fälligen und
nahe liegenden Fragen:
Was ist
das für ein Wirtschaftssystem, in dem nichts so
"systemrelevant" ist wie Banken? Alles
Privatgeschäft darf scheitern und pleite gehen –
die Banken nicht!
Was ist
das für ein Staat, der – mit ungewissem Ausgang
– seine ganze Macht über das Geld ein- und aufs
Spiel setzt, um bankrotten Banken den
Offenbarungseid zu ersparen?
Wofür
wird in einem Land gearbeitet, produziert und
konsumiert, wenn das Arbeiten zurückgefahren bis
eingestellt wird, weil Milliarden-Spekulationen
großer Geldhäuser daneben gehen?
Nie zeigt die
Herrschaft des Kapitals ihre Härten so offen, wie in
der Phase, in der die Kapitalverwertung – weil sie
nicht gelingt – den materiellen Lebensprozess der
Gesellschaft abwürgt. Insofern wirft die Krise ein
grelles Licht auf die Normalität des Kapitalismus und
gibt eine abgekürzte Aufklärung darüber, wie sich
Arbeit und Reichtum in diesem System zu einander
verhalten. Die dafür nötigen Überlegungen verspricht
der angekündigte Vortrag; zugleich soll er für einen
Lektürekurs werben, der sich das Studium des
kapitalistischen Normalzustands vornimmt.
Vortrag und Diskussion
mit Dr. Peter Decker (Redakteur GEGENSTANDPUNKT)
Mit verschärfter
Konkurrenz dem Denken Beine machen
Dass die Hochschulreform der letzten Jahre den
Studierenden – und übrigens auch in anderer Weise den
Wissenschaftlern – erheblich zugesetzt hat, ist nicht
zu bezweifeln. Mit Bachelor und Master, mit
Studiengebühren, verschärften Prüfungs- und
Relegationsordnungen usw. wird den Studierenden
eingeheizt, die Sortierung am Einkommen fortgesetzt
und der europäische Standard mit vergleichbarem
Billig- und Aufbaustudium vorangetrieben. In der
Forschung gilt es, sich mit Exzellenzclustern zu
bewähren, Drittmittel zu requirieren und möglichst
noch Großbetriebe für Zusammenarbeit und Sponsering zu
gewinnen. Gewinner werden zusätzlich vom Staat
belohnt, Verlierer haben es zu verantworten, wenn ihre
Uni nicht zu den Eliteuniversitäten gezählt wird. In
der Tat: So wird mit verschärfter Konkurrenz dem
Denken Beine gemacht.
Grund genug, sich dagegen
ins Zeug zu legen. Und Grund genug, sich dafür Klarheit
darüber zu verschaffen, warum die Bildungspolitik auf
solcherart Reform, die in Hochschulrektoren ihre
beflissenen Umsetzer findet, erheblichen Wert legt. Auf
jeden Fall sind einige der studentischen Befunde nicht
zutreffend: So heißt es etwa, dass die Freiheit der
Lehre durch die ganz offenkundige Zusammenarbeit
zwischen Wissenschaft und Kapital in Gefahr sei, die
Wissenschaft zunehmend der „Verwertungslogik“
unterworfen sei und Bildung zur Ware werde. Das
überzeugt wenig: Wem denn sonst sollen im demokratischen
Kapitalismus Forschung und Lehre Dienste leisten? Den
Kritikern von Wirtschafts- und Staatsmacht doch wohl
nicht. Dass Wissenschaft diesen Nutzen – Natur- und
Geisteswissenschaften erbringen ihn auf unterschiedliche
Weise – schon immer erbracht hat, ist dem „made in
germany“ – deutsche Waren gelten als Weltmarktführer und
„wir“ sind Exportweltmeister – ebenso abzulesen wie der
von der Staatsmacht aufgebauten Infrastruktur und
Hochrüstung.
Und auch eine weitere
Beschwerde trifft nicht ins Schwarze: Mit den
Studiengebühren soll ein „sozialer numerus clausus“ in
die Universitäten Einzug gehalten haben. Wirklich erst
mit diesen zusätzlichen Gebühren? Dabei geben die
protestierenden Studierenden doch selbst das
Belegmaterial dafür ab, dass so ein „sozialer numerus
clausus“ vom ersten Schuljahr an gilt. Immerhin gehören
sie zu den Privilegierten, die es geschafft haben, ca.
70% ihres Jahrgangs – und zwar vor allem Kinder aus
„bildungsfernen„ Schichten – erfolgreich hinter sich zu
lassen, denen dann die Karriere in den unteren
Lohngruppen oder in Hartz-IV offen steht.
Übrigens greift deswegen
auch die Kritik am Aufbau von Eliteuniversitäten nicht.
Elitenproduktion, so kann man lesen, würde sich nicht
mit dem demokratischen Egalitarismus vertragen. Von
wegen: Schon immer haben Universitäten nur für den
Nachwuchs zu Diensten der Macht- und Geldelite gesorgt.
Sie haben Juristen und Lehrer, Ingenieure und
Betriebswirte, Generäle und Ärzte, Pastoren und
Journalisten ausgebildet, die selbstbewusst in ihrem
jeweiligen Amt und Beruf dafür sorgen, dass „wir alle“
auf Deutschland stolz sein können.
Es ist also schon nötig,
sich etwas genauer mit der Funktion der Universitäten im
Kapitalismus überhaupt zu befassen und die Frage zu
stellen, welchem Zweck sich tatsächlich die jüngste
Hochschulreform verschrieben hat.
Der „neoliberale
Turbokapitalismus“ ist gescheitert!
Anlässlich der Krise sehen sich linke Kritiker
bestätigt: die Politik der „Deregulierung“ und der
„Liberalisierung“, die „Entfesselung des Kapitals“,
das Setzen auf „ungehemmtes Wirtschaftswachstum“ und
die „ungezügelten Freisetzung der Marktkräfte“
haben sich blamiert und die Welt an den Rand des
ökonomischen Zusammenbruchs gebracht.
Es wäre „Zeit für einen Systemwechsel“ und eine
„solidarische Gesellschaft“ rufen diese Kritiker – nur
kann man die neue Gesellschaft, die sie anstreben, nur
schwer von der bisherigen unterscheiden: vom Millionär
(der eine Extrasteuer zahlen soll) bis zum
Niedriglohnempfänger (der in den Genuss eines
Mindestlohns kommen soll) sind wieder Profiteure wie
Opfer des Kapitalismus in ihren gewohnten Rollen
eingeplant.
So mündet diese Kritik
pragmatisch in konstruktive Vorschläge zur Rettung
„unserer Wirtschaft“ und der Arbeitsplätze, die sie
dankenswerterweise stiftet. Keinen Augenblick sind die
Kritiker um Pläne verlegen, wie das eben noch geschmähte
Bankenwesen am besten gerettet werden kann, um dann
unter strenger Kontrolle seinen geschätzten Diensten
wieder nachgehen zu können, wie die Steuermilliarden
richtig eingesetzt werden müssten, damit „die
Wirtschaft“ die Krise überwindet und wieder in Gang
kommt und zukünftige Krisen vermieden werden.
Kapitalismuskritik sieht
anders aus. Das Plädoyer für einen reibungslos
funktionierenden Kapitalismus offenbart eine falsche
Erklärung der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise
ebenso wie falsche Vorstellungen über den „ganz normal“
funktionierenden Kapitalismus.
Welche Fehler das sind, darüber wollen wir diskutieren.
Wir haben dafür einige Zitate von Sahra Wagenknecht
vobereitet, die hier
als pdf heruntergeladen werden können.
Erst krachten
die Banken, jetzt die ganze Weltwirtschaft –
Warum?
Gegen das Hoffen
auf und das Bangen um die baldige Gesundung
„unserer“ Wirtschaft
Seitdem die Finanzmärkte
zusammenbrechen und die „Realwirtschaft“ in bisher
ungekanntem Tempo schrumpft, kommt der Kapitalismus ins
Gerede. Leider sehr verkehrt. Auf die Diagnose: „Der
Kapitalismus funktioniert nicht mehr“, antworten Volk
und Elite mit dem dringenden Wunsch: Er möge schleunigst
wieder funktionieren.
Die Regierung setzt
ihre politische Macht ein, um mit dreistelligen
Milliardenbeträgen die Banken zu retten und mit einem
Konjunkturprogramm und anderen Subventionen die Auto-
und andere Industrien vor dem Untergang zu bewahren. Das
alles – da macht niemand ein Geheimnis daraus –, damit
die kapitalistische Profitmacherei wieder in Gang kommt
und weitergeht wie bisher.
Die Gewerkschaften und ihre Mitglieder
identifizieren sich mit ihren Arbeitgebern, obwohl deren
„Überlebensstrategien“ immer unverträglicher mit dem
Interesse der Belegschaften an Lohn und Lebensunterhalt
ausfallen. Auf Entlassungen, Kurzarbeit und Lohnkürzung
antwortet die organisierte Arbeitnehmerschaft nicht mit
Widerstand gegen die Kapitalisten und mit einer Absage
an den Staat, der sie für die Rettung des Kapitalismus
einspannen will. Sie demonstriert statt dessen Seit' an
Seit' mit ihren Ausbeutern und fordert vom Staat mehr
Geld für die Eigentümer ihrer Arbeitsplätze: „Wir sind
Opel!“, „Wir sind Schaeffler!“, „Wir sind …!“ – Der
Staat soll dem Kapital die Gewinne ersetzen, damit
Arbeiter weiterarbeiten können!
DIE LINKE
schimpft lauter als andere auf die Raffgier der Banken
und die spekulative Profitmaximierung, die diese sich
geleistet haben. Zugleich fordert sie vom Staat, diese
„Profitgeier“ zu retten, aber nur, damit sie ihren
„sozialen Dienst“ am realen Ausbeuten und Arbeitgeben
wieder versehen können, der „Realwirtschaft“ Kredit zu
geben. Banken, so DIE LINKE, gehören besser als bisher
kontrolliert, damit ihr „Kasino-Kapitalismus“ nie
wieder eine Chance bekommt, den produzierenden
Kapitalismus zu schädigen. Außerdem tritt sie für eine
Reichensteuer ein: Sie findet es nur gerecht, dass
auch die Reichen dafür, dass sie in einem „sozial
regulierten“ Gesellschaft ihren Platz als Reiche
behalten sollen, einen Obolus zur Rettung ihrer
Ordnung beisteuern.
Bewegt von der Sorge, dass
der Kapitalismus nicht mehr als Lebensgrundlage des
Landes und seiner arbeitenden Massen funktioniert, und
voll der Sehnsucht, dass er wieder funktionieren möge,
interessiert sich schon wieder kein Schwein dafür, was
für ein Wirtschaften da eigentlich – auch und gerade in
der Krise – funktioniert:
Warum trifft die Krise der Finanztitel und der
(drohende) Zusammenbruch des Finanzsystems das
produktive Kapital?
Warum sind die Banken im Unterschied zur übrigen
Wirtschaft (Produktion, Handel, Arbeitsplätze)
systemrelevant?
Was ist die und wie kommt es zur
(Welt-)Wirtschaftskrise?
Wie wird die Wirtschaftskrise abgewickelt?
Warum ist es falsch, um diese Wirtschaft zu bangen
und auf ihre Gesundung zu hoffen?
Vortrag und Diskussion mit Dr. Theo Wentzke (Redakteur
GEGENSTANDPUNKT)
Die Moral gilt als hohes Gut, das die
Menschen im Unterschied zum Tierreich als Krone der
Schöpfung adelt. Merkwürdigerweise ist sie aber nie
recht vorhanden, weil die Welt eigentlich nur von
gierigen Managern, korrupten Politikern,
egoistischen Singles und faulen Arbeitslosen
bevölkert ist. Nicht zu vergessen die unhöflichen
Kinder, die nie grüßen. Die Welt ist also voller
Lumpen.
Eine Ausnahme kennt freilich jeder: sich. Das
ist nur eine der vielen selbstgerechten Dummheiten
des moralischen Bewusstseins, das für jeden Schaden,
den das kapitalistische Gemeinwesen seinen Insassen
auflädt, ein und dieselbe falsche Erklärung parat
hält: Das schlechte Benehmen der Menschen ist
schuld, die sich einfach nicht an Moral und Anstand
halten. Wären alle so tugendhaft wie man selbst,
wäre die Welt in Ordnung und jeder hätte sein
Auskommen.
Das Anspruchsdenken, sonst heftig im Volk
bekämpft, wird auf dem Feld der moralischen Tugenden
von Politikern, Wirtschaftskapitänen und Pastoren
kräftig angestachelt. Anstand kann ein Mensch gar
nicht genug haben! Für das politische Gemeinwesen
stiftet die Moral offenbar einen erheblichen Nutzen.
Für die Millionen kleiner Leute, die unter seine
Räder kommen, taugt sie nichts.
Der Vortrag will
nicht nur den Begriff der Moral erläutern, sondern
einmal die viel gepriesenen Tugenden höchstselbst auf
den Prüfstand stellen. Was taugen eigentlich Fleiß,
Sparsamkeit, Bescheidenheit, Ehrlichkeit, Altruismus
und Höflichkeit? Soviel sei vorweggenommen: Die Kritik
an so großen Werten wie Ehrlichkeit oder Altruismus
ist kein Plädoyer für die Umkehrung, also für
Unehrlichkeit oder Egoismus, sondern ein Einwand gegen
den marktwirtschaftlichen und demokratischen Sumpf,
auf dem das falsche moralische Bewusstsein gedeiht.
Vortrag und
Diskussion mit Dr. Rolf Röhrig
(GegenStandpunkt-Verlag)
Die
Medien liefern so gut sie können und dürfen „ganz
furchtbare“ Bilder und Opferzahlen: Kassam-Raketen
stürzen wahllos auf Israel und zwingen Israelis in
Schutzräume; Israels Armee zerstört in einem
Blitzkrieg die Machtstruktur der Hamas, die
Infrastruktur des Gaza und Lebensmittel seiner
Bewohner, die letzten Zugänge zum Gaza, und rächt
parallel in Echtzeit jeden Raketenabschuss. Das
aufgewühlte deutsche Publikum soll erst gar nicht
ruhig nachdenken, sondern sich ent-scheiden: Gegen
den „Terror“ der „Terroristen“ steht dem „Staat
Israel“ doch wohl die "Verteidigung seines
Existenzrechts" zu! Das sagen nicht nur Israels,
sondern auch Deutschlands Politiker. Und die Medien.
Sie verweisen dazu auf ihre Bilder und Opferzahlen,
als könne man dem Einsatz von Gewalt beider Seiten
und den Opfern auf beiden Seiten die Parteinahme
ablesen.
Aber die Moral und ihre demokratische Betreuung in
Deutschland machen es sich nicht nur einfach mit der
parteiischen Willensbildung. Ununterbrochen
verkünden Politiker, Kommentatoren und Talkfrauen,
dass ihnen „unser Freund Israel“ ganz schön viele
Gewissenbisse bereitet, mit denen sich das Publikum
beschäf-tigen soll: Trifft Israel denn überhaupt die
Richtigen im „dichtestbesiedelten“ Gazastreifen,
nicht „Unschuldige“ bzw. „zuviel“ „Frauen und
Kinder“, die zwar von der Hamas als „menschliche
Schutzschilde“ „missbraucht“, aber eben doch von
israelischem Phosphor umgebracht werden, und kommt
aus dem Blutbad denn wenigstens eine „Lösung“
heraus…Nein, leichtfertig nimmt man in Deutschland
nicht Partei in einem und für einen Krieg, sondern
nur mit einigem Ringen von politischem Realismus und
tiefstem Humanismus, den einem keiner nehmen kann.
Was ist das für eine Denkungsart, was bringt sie
zustande?
Haben Deutschlands Medien Israels Vorgehen im
"Gaza-Krieg" kritisiert? Wodurch zeichnete sich
diese Kritik aus? War sie vielleicht nur eine
Reproduktion der Darstellungen des Krieges seitens
der israelischen Regierung? Margaret Wirth bezieht
insbesondere die Süddeutsche Zeitung, eine der
deutschen Qualitätszeitungen, in ihre Analyse ein.
Referentin: Prof. Dr. Margaret Wirth
(Universität Bremen)
Das Finanzgewerbe hat das
Vermögen der Gesellschaft in seiner Hand und
benutzt es als sein Geschäftsmittel. Solange die
Geschäfte mit Wertpapieren und Derivaten
aufgingen, hatte kein Politiker daran etwas
auszusetzen. In ihrem Boom haben die Banken mit
dem Wertpapierhandel enorme Gewinne gemacht.
Gleichzeitig
haben
sie die Gründe für eine Krise geschaffen, die die
führenden Köpfe der Nation so aufschreckt, wie
kein »Sozialkram« das je vermocht hat. Welchen
Stellenwert der Reichtum des Finanzkapitals für
die Politik besitzt, zeigt sich an den Reaktionen:
Der Zusammenbruch von deren Geschäft wird
besprochen als Krise des Gemeinwohls, als ein
Notstand, für den sich noch der letzte
Hartz-IV-Empfänger interessieren soll.
Dabei wissen Politiker genau
zu trennen zwischen den Betroffenen der
Finanzkrise, die nach wie vor ihr Vermögen
ruinieren - und den betroffen Gemachten, die als
Lohnabhängige in der »Realwirtschaft« die
Konsequenzen zu spüren bekommen. Der
Bundespräsident wendet sich an die Banker und
fordert sie auf, ihre Geschäfte wieder in Gang
zu bringen, indem sie sich auf ehrbare
Kaufmannstugenden besinnen. Die Bundeskanzlerin
wendet sich an die Massen, fordert Gefolgschaft
in schweren Zeiten und verspricht, sie als
Abhängige der Interessen von Unternehmern und
Finanzkapital zu erhalten.
Was es bedeutet, wenn sich »jeder an seinem Platz« für das erneute Gelingen des Bankgeschäfts einsetzt, wie die Investmentbranche jede Menge Reichtum und eine Krise bewerkstelligt hat, und wieso man sich fragen sollte, ob man das alles mitmachen will - darüber wollen wir diskutieren.
Wenn der Bundespräsident
die Banker anhält, sich auf ehrbare
Kaufmannstugenden zu besinnen, dann fordert er
sie auf, genau die Geschäftewieder in Gang zu
bringen - und zwar erfolgreich - die zur Krise
geführt haben.
Diese Ansage übersieht, dass
es gerade das Finanzkapital selbst ist, das
seinen angehäuften Reichtum demontiert.
Wenn die Bundeskanzlerin dem Volk verspricht, Arbeitsplätze zu sichern und alles zu unternehmen um die Finanzkrise und deren Folgen zu bremsen, dann will sie genau dieses Kommando des Geldes in den Händen der Banken über die ganze Ökonomie erhalten.
Wir haben für die Diskussion ein
Zitate von Bundespräsident und Bundeskanzlerin
zusammgestellt: Zitate.pdf
Jetzt, wo das Finanzsystem
kollabiert, manche „banca rotta“ ist und sich
Geldvermögen im Billionen-Dollar-Bereich in Luft
auflösen, ist der Staat als Retter gefordert.
Politiker und Meinungsmacher von rechts bis
links finden das „neoliberale Dogma“ blamiert,
demzufolge sich die Märkte selbst regulieren.
Nur das „kraftvolle Handeln der politischen
Macht“ könne die Katastrophe noch bremsen; der
Staat muss endlich eingreifen. Allerdings ist
die Auffassung, der Staat habe sich bisher aus
dem Finanzsektor herausgehalten, insofern
verkehrt, als der Staat in diesem Sektor und
seinem Treiben immer schon drinsteckt. Die enge
Symbiose des Privatgeschäfts der Banken mit der
Obrigkeit etabliert überhaupt die Macht des
Geldes über die Gesellschaft und damit die Macht
der Banken, das ganze ökonomische Leben zum
Mittel ihrer Profite und ihres Wachstums zu
machen. Der Staat rettet, wenn er das
Finanzsystem rettet, sein Geschöpf und sein
Regime.
Rechte wie Linke reden von
einer „Renaissance des Staates“ und
prognostizieren eine „größere Rolle der Politik
in der Wirtschaft“. Die Rechten im Ton der
Warnung: Da drohe die Rückkehr des Sozialismus,
den man doch längst überwunden habe. Zu viel
Staatseinfluss werde die Kräfte des Marktes
schwächen. Linke Wortmeldungen begrüßen eine
stärkere politische Kontrolle über die
(Finanz)Wirtschaft als einen Schritt zum
Sozialismus, den sie sich schon früher gewünscht
hätten. Wissen beide Parteien überhaupt, wovon
sie reden? Liegt denn nicht auf der Hand, wofür
die „größere Rolle des Staates“ da zum Einsatz
kommt? Für die Rettung des Finanzkapitals! Es
geht um den Erhalt der akkumulierten
Geldvermögen, ums Funktionieren der Banken und
um die darauf gegründete Geldmacht dieser Nation
im Gegensatz zu anderen Nationen. Das Ziel wie
seine Mittel und Konsequenzen sind in jeder
Hinsicht das Gegenteil von Sozialismus.
Alle Welt vergleicht die Lage
mit „1929“: Das globale Finanzsystem sei in
einem Zustand, der noch schlimmer sei als im
Jahr des New Yorker Börsenkrachs zu Beginn der
Weltwirtschaftskrise, die in den Zweiten
Weltkrieg mündete. Aber, so die gute Botschaft,
heute sei es anders. Die Staaten hätten ihre
Lektion von damals gelernt und wüssten, dass in
der Krise nichts wichtiger sei als Kooperation.
Die heutigen Nationen würden ihre Banken nicht
mehr auf Kosten der Banken der Nachbarn retten,
nicht mehr ans Ausland gewährte Kredite
zurückfordern, keine neuen Handelsbarrieren
errichten, keinen Abwertungswettlauf ihrer
Währungen lostreten.
Von wegen! Die imperialistische
Konkurrenz um die Verteilung des Schadens aus der
Finanz- und Weltwirtschaftskrise und als Folge
davon der Kampf um Aufstieg und Niedergang der
Nationen fängt gerade erst an. Und zwar nicht
überhaupt, sondern gezielt und auf Ansage, z. B.
aus Deutschland: Finanzminister Steinbrück äußerte
vor dem deutschen Bundestag am 25.9.2008 eine
Vermutung:
„Niemand sollte sich
täuschen: Die Welt wird nicht wieder so werden
wie vor dieser Krise. … Die Fernwirkungen
dieser Krise sind derzeit nicht absehbar.
Eines scheint mir aber wahrscheinlich: Die USA
werden ihren Status als Supermacht des
Weltfinanzsystems verlieren. Das
Weltfinanzsystem wird multipolarer.“
Da werden Steinbrück und
seine Leute schon ein wenig nachhelfen müssen.
Ganz von selbst werden die USA ihren Status
nicht abtreten.
Es gibt eine Menge zu
erklären an dem Wahnsinn, dem der Normalmensch
als Zaungast beiwohnt, für den er als
mitdenkender Staatsbürger in Anspruch genommen
wird und als Opfer eingeplant ist:
Was hat der Staat von den Banken, dass er
sie – koste, was es wolle – retten will? Was
soll denn wieder funktionieren?
Der Staat soll versagt haben bei der
Kontrolle der Banken, ihnen viel zu viel
Freiheit gelassen, jetzt kümmere er sich –
endlich – wieder darum. Stimmt das?
Was ist das Verhältnis von politischer
Macht und privatem Finanzgeschäft?
Der Staat will die Banken mit Geld retten?
Wie
steht
es also um Macht und Ohnmacht des Staates bei der
Rettung des Bankensystems?
Vortrag und
Diskussion mit Dr. Theo Wentzke
(GegenStandpunkt-Verlag)
Internationale
Finanzkrise: Die Macht der Banken und ihr
Dienst für die kapitalistische
Reichtumsproduktion
Ziemlich
schlagartig wird im Zuge der Finanzkrise eine
gewaltige Menge Reichtum vernichtet. Und ganz
klar: auch die „Realwirtschaft“ gerät in die
Krise. Zwar ist keine Ähre geknickt und keine
Maschine kaputt, der sachliche Reichtum also nach
wie vor vorhanden und brauchbar – aber seine
Verwendung für den kapitalistischen Zweck der
Geldvermehrung klappt nicht mehr.
Die
Bilder
für den Zusammenbruch der Finanzbranche reichten
von „Tsunami“ bis „Erdbeben“ – als würde es sich
hier um Naturkatastrophen und nicht um die
Resultate einer von Staaten eingerichteten und
betreuten Ökonomie handeln.
Letztere - die ökonomischen
Notwendigkeiten - wollen wir anhand folgender Thesen
erklären und diskutieren:
Die angeblich so grundsolide
„Realwirtschaft“ unterscheidet sich in ihrem
Zweck der Geldvermehrung gar nicht von der
Finanzbranche und ist auch schon in ihrem
Ausgangspunkt spekulativ.
Für ihr Geschäft und sein
Wachstum nehmen die Unternehmer die Dienste der
Banken in Anspruch: sie besorgen sich Kredit.
Weil alle den als Mittel für ihr Geschäft
benutzen, sind alle auf Kredit angewiesen.
Die sogenannte
Realwirtschaft ist die Basis, über die sich ein
verselbstständigter finanzkapitalistischer
Überbau erhebt: eine eigene Sphäre der
Geldvermehrung, die Geld in Kredit verwandelt
und Kredit in Geld.
Internationale
Finanzkrise: Wenn Banken krachen ...
Was der Kollaps des
Finanzsystems über den Reichtum der
kapitalistischen Nationen lehrt
Was mit einer Hypothekenkrise
in den USA begann, hat sich zu einem
fortschreitenden Zusammenbruch des Finanzsystems
ausgewachsen. Der Herbst 2008 zeigt drastisch,
was es heißt, im Kapitalismus zu leben.
Schlechterdings alles, das Arbeiten und Kaufen,
das Leben und Überleben, ist eine abhängige
Variable des Finanzgeschäfts. Wenn Börsianer und
Bankiers mit ihrer Bereicherung scheitern, dann
scheitert alles – und dem ganzen Volk droht
schlagartig eine weitergehende drastische
Verarmung. Ersparnisse und Rentenanlagen gehen
kaputt, Arbeit und Einkommen werden gestrichen.
Das
ist konsequent und kein Unfall in einem System, in
dem sich alles Wirtschaften um die Vermehrung von
Geld dreht:
Der grundsolide Mittelstand hat nicht die
Versorgung der Menschheit zum Ziel, sondern
die Erwirtschaftung von Gewinnen. Sie fallen
umso höher aus, je schlechter die Belegschaft
bei Lohn und Leistung behandelt wird.
Produziert heißt noch nicht verkauft, verkauft
heißt noch nicht, die nötigen Geldsummen zu
haben, die es braucht, um mit eigenem Wachstum
Konkurrenten aus dem Markt zu drängen. Kredit
hilft den Betrieben über diese Schranken
hinweg.
Banken
geben
ihn, weil sie daran verdienen. Mit einem Zins
sind sie am Gewinn beteiligt, den Unternehmen
aus ihrer Belegschaft mit Kredit vermehrt
herausschlagen. Jetzt hat der Arbeiter schon
zwei Herren, denen er mit seiner billigen und
ausgiebigen Arbeit zu dienen hat, dem Betrieb
und der Bank.
Banken
machen,
was alle ehrbaren Geschäftsleute tun. Sie
wachsen, und für ihr Wachstum belassen sie es
nicht beim Kreditieren der Industrie, sondern
schaffen und finanzieren Wertpapiere, in denen
vornehmlich sie selbst ihre Gelder anlegen. Die
Mittel dazu haben sie ja als Herren des Kredits.
Der
Staat
will und fördert das Wachstum des Finanzsektors
nach Kräften, weil er die Quelle der staatlichen
Verschuldung ist. Nur so lassen sich die
gewaltigen Summen mobilisieren, mit denen der
Staat die Ausbeutungstechniken auf seinem
Standort und die Kampfkraft der Bundeswehr auf
den jeweils neuesten Stand bringt.
Internationale
Geldanleger
legen sich gern an einem Standort und in einem
Geld an, das scheinbar grenzenloses Wachstum
verspricht. Das stärkt die Währung des Landes
und macht den Staatskredit zu international
tauglichem Geld, über das nur ganz wenige
Nationen verfügen. Staaten, die eine solche
Finanzmacht nicht bei sich versammeln können,
bleiben auf ewig arm und ohnmächtig. Solche, die
diese Potenz verlieren, werden es schnell.
Eine
wachsende
Finanz- und Spekulationsbranche ist also die
Lebensader der gesamten Wirtschaft und des
Staates. Und ihren Dienst leisten die
Finanzmagnaten umso besser, je mehr Freiheiten sie
für ihr Wachstum eingeräumt bekommen.
Jetzt zeigt sich in der
Weltfinanzkrise, dass die gewaltigen Massen von
Wertpapieren einen Vorgriff auf wirklichen
Reichtum, einen versprochenen, noch gar nicht
wirklich produzierten Wert darstellen, der nicht
bezahlt werden kann, wenn misstrauisch gewordene
Besitzer solcher Papiere auf Auszahlung
bestehen. Seitdem fallen die Wertpapiere und
Investmenthäuser rund um den Globus wie
Dominosteine. Und nicht nur sie: Die
„Realwirtschaft“ bricht Stück für Stück
zusammen. Das ist folgerichtig. Das
Spekulationsgewerbe hat mit seinem Kredit die
produzierende Wirtschaft von den Schranken des
Marktes und seiner begrenzten Kaufkraft befreit;
jetzt sorgt umgekehrt die Entwertung des
Finanzsektors und das Versiegen des Kredits für
die Reduktion der Industrie auf eben diese
Schranken.
Die arbeitende Bevölkerung
wird dafür mit Entlassungen und Lohnkürzungen in
großem Stil in Haftung genommen. Forderungen
nach einem reellen Lohnzuwachs hat die
einsichtige IG-Metall gleich selbst vom Programm
genommen. Dafür kriegt das Volk als
Entschädigung einen ideellen Lohn. Man darf auf
die „Zocker“ schimpfen, denen es „nur ums Geld
geht“. Als wäre es dem Mittelstand jemals um
etwas anderes gegangen! Auch die Politik darf an
den Pranger gestellt werden, weil sie die
Regelung des Finanzsektors unterlassen hat. Als
gäbe es eine einzige Zweckgesellschaft oder
Wertpapiersorte ohne gesetzlichen Segen und
staatliche Aufsicht! Linke von Attac mahnen die
„dienende Aufgabe“ der Banken an. Als wäre der
Dienst, den sie den Betrieben mit Kredit
erweisen, jemals auf etwas anderes berechnet als
die Bereicherung der Bank und des Betriebes,
beides auf Kosten der Arbeiter.
Diese Kritik an den „Zockern“
im „Casino-Kapitalismus“ ist nicht nur falsch,
weil sie die Notwendigkeit der Krise durch
vermeidbare Fehler beim führenden Personal
ersetzt. Sie ist auch unehrlich: Keiner will die
„Zocker“ vom Hof jagen! Der Rettung des
Finanzsystems auf die eine oder andere Art mag
sich niemand verschließen.
Damit es nicht weitergeht wie
bisher, nehmen wir uns die Zeit für die
Erklärung des Finanzkapitals und seiner
Leistungen für die kapitalistische Welt der
Arbeit.
Vortrag
und
Diskussion mit Dr. Theo Wentzke (Redakteur
GEGENSTANDPUNKT)
Mit
„Produktionsfaktoren“ und „subjektiver
Wertlehre“
gegen die Erklärung des Werts
Im Kapitalismus wird Arbeit
verrichtet nicht für die Herstellung nützlicher
Güter, sondern für die Vermehrung von Geld.
Dessen Wachstum ist der Zweck allen
Produzierens. Das war Marx nicht nur eine
Analyse, sondern auch eine Kritik wert. Ein
Reichtum, der sein Maß im Arbeitsaufwand hat,
wächst nur im Grad der Mühen, die aufs
Produzieren verwandt werden. Er besteht gerade
nicht in der Leichtigkeit, mit der die
arbeitende Menschheit sich die Notwendigkeiten
und Genüsse des Lebens verschafft, sondern
erfordert das gerade Gegenteil. Die Gesellschaft
ist die reichste, in der möglichst viele Leute
möglichst lange arbeiten, an modernsten
Maschinen natürlich. Nutznießer eines solchen
abstrakten Reichtums können gar nicht die
Arbeiter sein. Umgekehrt, sie dienen ihm mit
ihrer ganzen Lebenskraft. Es ist nicht zu
übersehen: Die Werte, die durch die Verausgabung
von Arbeit geschaffen werden, gehören im
Wesentlichen jenen, die nicht selber arbeiten,
sondern andere arbeiten lassen. Das Kapital
wächst, das seinen Eigentümern Gewinn, Zins oder
Grundrente abwirft. Nur der Arbeiter selber wird
ärmer und muss nach 150 Jahren kapitalistischem
Wachstum um einen Mindestlohn betteln.
Marx
Kritik
hat die moderne bürgerliche Ökonomie nicht ruhen
lassen. Nicht dieser oder jener Fehler, die
politische Konsequenz seiner Theorie war
unerträglich. Die Volkswirtschaftslehre versteht
sich daher seit ihren Anfängen als Gegenprogramm
in antikritischer Absicht. Gegen die
„Arbeitswertlehre“ stellt sie ihre „Theorie der
Produktionsfaktoren“: Ausbeutung wird zu einem
Gemeinschaftswerk dreier Kräfte, die auf den Namen
Boden, Kapital und Arbeit hören und sich das
Produktionsergebnis angeblich nach Maßgabe ihres
nützlichen Beitrags teilen. Gegen die „objektive
Wertlehre“ entwirft sie eine „subjektive“: Der
Preis der Ware, der jedes Bedürfnis vom nützlichen
Gut trennt, wird darin zum Ausdruck subjektiver
Wertschätzung prinzipiell knapper Güter, damit
Wünsche und Gütermenge zu einem vernünftigen
Ausgleich kommen. Und der Markt, den Marx in der
Wirklichkeit als Konkurrenz der Betriebe um
lohnende Preise angetroffen hat, gerät den
Freunden der „invisible hand“ zu einem rundum
gelungenen Kundendienst: Das Publikum ordert mit
seinen Geldscheinen beim Einkauf Qualität und
Menge des Angebots, das die Nachfrage bedient.
Zwei
Theorien,
aber nur eine Welt. Es lohnt sich, den
Leistungsvergleich einmal ernsthaft durchzuführen,
den die moderne Volkswirtschaftslehre gegen Marx
ausgerufen hatte und für sich entschieden zu haben
meint.
Vortrag und
Diskussion mit Dr. Rolf Röhrig (Redakteur
GEGENSTANDPUNKT)
Ein kleiner Krieg und die größten
Mächte sind beteiligt.
Worum
geht
es beim Kaukasuskrieg?
Das riesige Russland
überrollt das kleine Georgien: So setzen die
westlichen Medien fürs Fußvolk ins Bild, was die
westlichen Chefpolitiker als Verurteilung
deklarieren: „Unverhältnismäßig“ (Bush, Merkel…)
sei Russlands Militäraktion, also
„inakzeptabel“. Soll man glauben, dass
ausgerechnet die amerikanischen Strategen der
"asymmetrischen Kriegsführung", die z.B. im Irak
Saddam Hussein die militärische Überlegenheit
der USA einbläuten und der gesamten Welt ihre
Unanfechtbarkeit demonstrierten, Anhänger fairer
ausgewogener Kräfteverhältnisse sind und deshalb
Russland verurteilen? Oder verurteilen sie
Russland und deshalb seine Kraft? Wofür?
Kritische Töne gibt es auch
gegen Georgien: Ein „Hasardeur“
(Ex-Kanzler Schröder) sei sein Präsident. Im
Geiste des Sachverstands von cool kalkulierenden
Kriegsstrategen schütteln vor allem in Europa
Politiker und Journalisten öffentlich ihren Kopf
über den „unüberlegten“ Saakaschwili, der den
Krieg nicht habe gewinnen können. So wohlmeinend
solcher Tadel ist, auch er könnte zu denken
geben: Was ist Georgien für eine sympathische
Herrschaft, die ihr Volk und Land in einen Krieg
stürzt, damit endlich „Georgien den Georgiern“
gehört, koste es beide, was es wolle? Soll man
glauben, dass Saakaschwili nicht weiß, was alle
Welt weiß, dass Georgien national nicht eine
Macht ist, die Herr eines Krieges gegen Russland
ist? Auf welche Macht bzw. Mächte hat er denn
gerechnet? Und warum?
Dass die Konfrontation
überhaupt eine zwischen Georgien und Russland
als den entscheidenden Parteien ist, dass da ihr
Grund liegt, diese Darstellung ist sehr
fragwürdig. Spätestens seit der US-Präsident
sein Machtwort gegen Russland gesprochen hat:
„Die Tage der Satellitenstaaten und der
Einflusszonen liegen hinter uns... Tyrannisieren
und Einschüchtern sind unakzeptable Wege für
eine Außenpolitik im 21. Jahrhundert.“ Sagt der
US-Chief einer Kriegsführungsstrategie namens
„shock and awe“. Und in Sachen Einflusszonen und
Satellitenstaaten verschweigt er gar nicht, dass
USA seit Auflösung der SU insbesondere an
Russlands Grenzen mit Nato und bunten
Revolutionen auf dem Vormarsch sind. Nur ist das
erstens ganz etwas anderes, nämlich zweitens von
Russland zu akzeptieren: „Unglücklicherweise
neigte Russland dazu, die Ausdehnung von
Freiheit und Demokratie als Bedrohung seiner
Interessen zu sehen. Das Gegenteil ist wahr:
Freie und aufblühende Gesellschaften an den
russischen Grenzen bringen die Interessen
Russlands voran, indem sie als Quellen von
Stabilität und wirtschaftlichen Möglichkeiten
dienen.“ Dass von nun an die USA die
„Selbst-Isolation“ von Russland betreiben, soll
daher jedermann als bloße „Reaktion“ auf
Russlands militärische Entgleisung zur
„Wiederherstellung“ der „blühenden Verhältnisse“
verstehen. Ist das wirklich das Ziel?
Russland macht praktisch
klar, dass es nicht Krieg riskiert hat und
militärisch vormarschiert ist, um sich vor den
weltpolitischen Ansprüchen aus den westlichen
Machtzentralen zurückzuziehen. Und dabei zielt
Moskau erkennbar mit seiner militärischen
Machtentfaltung in Georgien politisch nicht
allein auf Georgiens Staatschef und einen Streit
um den Status von Südossetien und Abchasien.
Warum und wofür ist Russland zur Konfrontation
bereit?
Also: Worum geht es
wem beim Kaukasuskrieg?
Vortrag
mit Diskussion mit Prof.
Dr. Margaret Wirth (Uni Bremen)
Mittwoch, 22.
10.2008, 19:00
Uhr, HGB,
Wächterstraße 11, R 2.41
Faschismus und Antifaschismus
heute
Wie
man
die Nationalisten kritisieren sollte – und wie
besser nicht.
So viel ist klar: Unsere
nationalen Demokraten und schon gleich ihr
linker Flügel können die Nationaldemokraten gar
nicht leiden. Nicht so klar ist, warum. Denn die
viel beschworene geistige Auseinandersetzung mit
alten und neuen Nazis findet nicht – oder doch
sehr eigenartig statt. Sie werden von den
Behörden behindert, juristisch verfolgt und
bespitzelt wie sonst nur linke Systemgegner,
aber nicht kritisiert. Um so ausgiebiger werden
sie denunziert: Die geistig Hochstehenden im
Lande finden sie ungebildet, dumm, dumpf und
versoffen – kurz viel zu sehr unter Niveau, als
dass ihre Parolen überhaupt als politisches
Programm zur Kenntnis genommen zu werden
verdienten.
Geht
doch einmal ein Sozialkundelehrer oder
Landtagskandidat so weit, ihren politischen
Standpunkt zu charakterisieren, meint er, mit
einer Abgrenzung, mit "Nicht-" und "Un-"Auskünften
seine kritische Schuldigkeit getan zu haben. Man
erfährt, dass die Rechtsradikalen
"un-demokratisch", un-europäisch", gegen
Ausländer, Nato und Globalisierung sind. Warum man
das alles nicht sein sollte – und wofür einer ist,
der gegen das ist, erfährt man nicht. Das scheint
auch nicht nötig zu sein, denn "Wir", das
offizielle Deutschland, sind ja für all das, wo
die Nazis dagegen sind. Sie weichen ab von dem,
was sich in der deutschen Politik gehört, und
drohen den wunderbaren Kurs zu stören, auf dem die
Mehrheitsparteien das Land durch die Zeiten
steuern. Das ist für liberale Demokraten Kritik
genug und ein hinreichender Grund, die NPD und
Konsorten mit den Mitteln der Obrigkeit zu
unterdrücken.
Dieselben
Leute,
die den Rechtsradikalismus für eine dumme,
eigentlich grundlose Verirrung politischer
Wirrköpfe halten, warnen bei nächster Gelegenheit
vor dem verführerischen Scharm "einfacher
Lösungen" und vor den "furchtbaren Vereinfachern",
die sie unters Volk bringen. Sie können sich gut
vorstellen, dass der Wähler, dessen politischen
Willen sie berufsmäßig bilden, die Vertreibung von
Ausländern und die Stärkung der Solidarität unter
den deutschen Volksgenossen, Arbeitsdienst und
Streikverbot, Zucht in den Schulen und härtere
Strafen für Gesetzesbrecher, eine wuchtigere
Bundeswehr und eine festere Haltung gegenüber dem
US-Imperialismus für attraktive Politangebote
hält. Und sie wissen gegen die drohende Verführung
nichts Anderes und nichts Besseres einzuwenden,
als dass es sich zu leicht macht, wer glaubt, das
alles könne die Politik in der heutigen Welt
geradewegs in die Tat umsetzen.
Wer
den Nazis entgegenschleudert: So einfach und
undifferenziert geht das nicht! , nimmt seine
absolute Abgrenzung zurück und verrät ein Stück
Geistesverwandtschaft mit den radikalen
Nationalisten, die er bekämpft. Am wohlsten fühlen
sich offiziellen Kämpfer gegen rechts, und am
überzeugendsten finden sie ihre Argumentation,
wenn sie die Nazis anklagen, auch noch un- oder
gar anti-national zu sein. Sie schädigen das
Ansehen Deutschlands in der Welt, machen die
Nachbarvölker misstrauisch gegen das deutsche
Gewicht in Europa, erschweren das Herlocken der
klügsten Köpfe auf den Forschungsstandort
Deutschland und verhindern womöglich sogar
ausländische Investitionen und die Schaffung von
Arbeitsplätzen.
Die staatstragenden
Demokraten streiten sich mit den modernen
Faschisten darum, wer von ihnen Deutschlands
Größe, Macht, Reichtum, den sozialen Frieden und
die innere Stabilität mehr fördert – und wer
alles das vergeigt. Sie bestreiten einander das
edle Prädikat Nationalist: Die jeweils anderen
sind entweder keine ehrlichen und
prinzipienfesten Vertreter der nationalen Sache,
oder nicht realitätstüchtig und zeitgemäß.
Wer
die radikalen Idealisten der Nation kritisieren
will, kommt nicht umhin, den normalen
Nationalismus ihrer demokratischen Gegner zu
begreifen und zu kritisieren. Wer es für eine
Verharmlosung hält, rechten Schlägerbanden und
ihren Organisationen Idealismus nachzusagen, möge
die Sache einmal umgekehrt betrachten: Was muss
der kapitalistische Staat für eine gewalttätige
Sache sein, dass das radikale Ideal konsequenter
Politik Arbeitsdienst, Fremdenhass und Krieg
bedeutet?
Vortrag und Diskussion mit Dr. Peter
Decker
Veranstalter:
AKL – die
antikapitalistische Linke
Unterstützt
durch:
AG Politische
Diskussion, Linksjugend Sachsen
Das gute Gewissen
der kapitalistischen
Klassengesellschaft
Dass es der Welt an Moral
fehle, meint eigentlich ein jeder.
Randalierende Fußballfans,
die mit nationalistischen Parolen auf
„gegnerische“ Fußballfans und die Polizei
losgehen,
amerikanische
Gefängniswärter in Abu Ghraib,
Lokführer, die von der
Firmenspitze mehr fordern, als der „maßvolle“
Tarifvertrag der DGB-Gewerkschaft mit der
Deutschen Bahn zulässt,
Manager, die mit
Massenentlassungen den shareholder value ihrer
Firmen und ihre Bonuszahlungen steigern,
bestens versorgte Politiker,
die dem gemeinen Mann die Rente
zusammenstreichen,
Doppelverdiener, die keine
Kinder machen,
Wissenschaftler, die sich
bei ihren Experimenten nicht an die Auflagen der
Ethikkommission halten –
lauter
Dokumente
des umfassenden Mangels an Gemeinsinn,
Pflichtgefühl, Menschlichkeit. In diesem Versagen
fast aller Mitmenschen vor den Maßstäben des Guten
haben die Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft
die fertige, stets abrufbare und auf alles
anwendbare Erklärung für die sozialen und
zwischenmenschlichen Ekelhaftigkeiten, die sie
erleben müssen. Wären nur alle so tugendhaft und
verantwortlich, wie sie sollten, wäre die Welt in
Ordnung, und jeder bekäme, was ihm zusteht.
Dass
es ihm selbst an Moral fehlt, meint eigentlich
kaum jemand. Man hält sich ja an die Gesetze,
zahlt Steuern, tut in Beruf und Familie seine
Pflicht, übt Rücksicht auf andere, engagiert sich
manchmal sogar für die Umwelt und spendet für die
Armen. Eigen- und Fremdeinschätzung weichen da
ziemlich voneinander ab. Ein jeder sieht sich von
Egoisten, Abzockern, Lumpen umgeben und kennt vor
allem einen Rechtschaffenen: sich.
Das
ist nur eine der selbstgerechten Dummheiten des
moralischen Bewusstseins, von dem die Rede sein
wird. Mit diesem Bewusstsein verstehen sich die
Menschen als – wertvolle – Mitglieder der
bürgerlichen Gesellschaft und sehen sich zum
Wächter über das korrekte Betragen ihrer
Mitmenschen berufen. Das selbst bringt jede Menge
Feindseligkeit unter die Leute.
Die These des Vortrags:
Die Welt krankt keineswegs an zu wenig Moral; eher
schon an zu viel davon. Das moralische Denken ist
das größte Hindernis für eine objektive
Beurteilung der Gesellschaft, der es entspringt,
und der eigenen und fremden Interessen, die sie
erzwingt.
Der Vortrag soll den
Zusammenhang von Recht, Gerechtigkeit, Moral,
Gewissen und Heuchelei erläutern.
Vortrag
und
Diskussion mit Dr. Theo Wentzke
zurück zur
Übersicht Mittwoch,
02.07.2008,
Interimsgebäude "Brühl", Raum 6-05, Am Brühl
34-50, 18:00 Uhr
Keine neuen
Gründe für den Hunger auf der Welt!
„Der
Hunger
meldet sich zurück...“ (FAZ)
–
so oder ähnlich wurde in den letzten Monaten in
den Medien ein weltweites kräftiges Steigen der
Lebensmittelpreise thematisiert.
Der Befund ist zunächst
einmal ziemlich verlogen: der Hunger war nämlich
überhaupt nicht verschwunden. 1990 hungerten
weltweit 820 Millionen Menschen, 2007 waren es
880 Millionen – und Organisationen wie „Brot für
die Welt“ waren ebensowenig überflüssig wie die
Suppenküchen in den Städten der reichen
Industrienationen.
Dass auf der Welt massenhaft
gehungert wird ist also eine bekannte Tatsache,
an die man sich längst gewöhnt hat und die keine
Schlagzeile mehr wert ist. Und eines ist
jedenfalls nicht der Grund für den Hunger:
daran, dass nicht genügend Lebensmittel
produziert werden können, liegt es nicht. Dass
stellen die Berichte der UNO regelmäßig fest und
davon künden z.B. auch „Milchseen“,
„Butterberge“ und Flächestilllegungsprämien in
der Europäischen Union.
Für Aufregung sorgt viel
mehr, dass wegen der steigenden
Lebensmittelpreise mit einem Male viele Menschen
– vor allem in sogenannten „Schwellenländern“ –
die sich bisher die notwendigsten Lebensmittel
kaufen konnten, dazu nun nicht mehr in der Lage
sind. Und gleich ein ganzes Bündel von Ursachen
wird da ausfindig gemacht: der hohe Ölpreis
steigert die Produktionskosten, die Chinesen
essen nicht nur mehr, sondern neuerdings sogar
Fleisch, Ackerfläche verschwindet zugunsten von
Industrieprojekten, immer Energieträger werden
aus Agrarerzeugnissen gewonnen, Spekulanten
treiben die Preise in die Höhe, der Klimawandel
sorgt für Ernteausfälle ...
Wir meinen: der Hunger ist
ebensowenig neu wie der Grund für ihn. Weil in
der Marktwirtschaft Lebensmittel als
Geschäftsmittel produziert werden, scheitern die
Menschen nicht am Mangel an Nahrung, sondern am
Preis, der dafür zu zahlen ist. Die Analysen der
Experten zeigen nur eines: die Marktwirtschaft
funktioniert, wie sie im Buche steht – und
Hunger gehört dazu.
Mittwoch,
18.06.2008, Interimsgebäude "Brühl", Raum 6-05, Am
Brühl 34-50, 18:00
Der Mindestlohn
Ein
Offenbarungseid der freien Marktwirtschaft, der
Gewerkschaften und des Sozialstaats
Einige Zitate
zur Diskussion:
„Jeder muss von seiner Hände Arbeit leben
können. ... Das sind Sprüche aus den vergangenen
Monaten, denen vermutlich zwei Drittel der
Deutschen zustimmen. Aber es sind die dümmsten
Sprüche des Jahres. Sie verwechseln Wunsch und
Wirklichkeit. ... unseriöses und
volksverdummendes Gerede, das
volkswirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten
ausblendet.“
(Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts
für Wirtschaftsforschung, SZ vom 28.12.2007)
„Dass man vom Lohn leben können muss, kann man
so nicht sagen.“
(Karl-Josef Laumann, Arbeits- und Sozialminister
Nordrhein-Westfalen, CDU, bei Anne Will, ARD,
27.04.2008)
„Gesetzlich festgelegte Löhne vernichten Arbeit.
Und zwar gerade für die Schwächsten auf dem
Arbeitsmarkt. Deshalb ist das ein unsozialer
Vorschlag.“
(Norbert Röttgen, Parlamentarischer
Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, SZ vom
04.012008)
„Arbeit darf nicht arm machen“
(Frank Bsirske, Vorsitzender von Verdi, SZ vom
25.09.2007 )
„In Deutschland bekommen 4,6 Millionen
Arbeitnehmer, das sind 15,5 Prozent, Löhne unter
7,50 Euro. ... Gleichzeitig muss der Staat, also
die Steuerzahler, dafür mit 1,5 Milliarden Euro
an ergänzenden Sozialtransfers einspringen. Das
hat für mich mit Marktwirtschaft wirklich nichts
zu tun.“
(Arbeitsminister Scholz, SPD, im Handelsblatt,
21.02.2008)
„Für eine neue soziale Idee. Armut trotz Arbeit
verhindern – Gesetzlichen Mindestlohn einführen
Ein gesetzlicher Mindestlohn sorgt dafür, dass
Unternehmen nicht weiter auf Kosten der
Allgemeinheit Lohndumping betreiben können.
Höhere Löhne führen zudem zu höheren
Steuereinnahmen des Staates.“
(DIE LINKE, homepage)
US-Hypothekenkrise,
Fondsschließungen,
Bankenpleiten: Ein
Lehrstück über Eigenart, Leistung und Macht
des Finanzkapitals
Gerade
noch
hatten sich die meisten Industrie-Nationen über
ihren „Aufschwung“ gefreut. Und dann das: Ein
Beben im Finanzgewerbe löst weltweit
Fondsschließungen, Bankpleiten und Angst an den
Geldmärkten aus. Die Aktienkurse an den Weltbörsen
fallen, und vorsorglich informieren Tageszeitungen
ihre Leser darüber, ob ihre Ersparnisse noch
sicher sind. Und warum das alles? Ein paar tausend
Häuslebauer in den USA sind mit der Bezahlung von
insgesamt ein paar Mrd. $ ihrer Hypothekenraten in
Rückstand geraten, wird erzählt – und weltweit
sollen dadurch laut Internationalem Währungsfonds
bis zu einer Billion $ Werte vernichtet worden
sein? Wie soll das zusammenpassen?
Banken vergeben nicht einfach
Kredite z. B. an Bausparer und andere Schuldner;
sie machen mit diesem Geld, das sie weggegeben
haben, noch einmal Geschäfte! Sie „verbriefen“
diese Kredite und bündeln sie zu Wertpapieren.
So verkaufen sie ihre eigenen Schulden mit
Gewinn an Fonds und Geldanleger. Wieso können
Banken offene Forderungen verkaufen und so Geld,
das sie gar nicht mehr haben, immer wieder zu
gewinnbringendem Geld machen? Worin besteht der
Wert von Papieren, die als grundsolide galten,
wenn der sich über Nacht in nichts auflösen
kann?
Warum
rufen
Bankenchefs wie Josef Ackermann plötzlich nach dem
Staat, während sie bisher staatliche Regelungen
als geschäftsschädigende Staateingriffe abgelehnt
hatten. Warum macht der Bundesfinanzminister über
Nacht Milliarden für die „Fehlspekulationen“ der
IKF locker, warum pumpen die kapitalistischen
Staaten über ihre Zentralbanken Hunderte von
Milliarden € Kredit zur Rettung der Finanzwelt in
den Markt, während es „einfach nicht drin sein“
soll, dass Rentner wenigstens einen
Inflationsausgleich bekommen? Warum gefährden die
Rentner mit ihren mickrigen 1,1 % mehr auf Jahre
hinaus die Stabilität der öffentlichen Kassen?
Warum
ist
in unserer Gesellschaft die Rettung von bankrotten
Banken wie der IKF eine öffentliche Aufgabe, für
die Milliarden locker gemacht werden, während die
Existenzsorgen von Häuslebauern, wenn sie z. B.
bei Arbeitslosigkeit mit Zinszahlung und Tilgung
in Rückstand geraten, als deren privates Risiko
abgehandelt werden?
Warum
und wie wird die „Realwirtschaft“ (Produktion,
Häuserbau, Konsum) vom Platzen der
Spekulationsgeschäfte geschädigt? Woher kommt
diese Macht des Finanzkapitals?
Vortrag
und
Diskussion mit Dr. Theo Wentzke
Der
Referent
ist Mitautor der kürzlich erschienen Buches: Das Geld. Von den
vielgepriesenen Leistungen des schnöden Mammons (162 Seiten,
15.– €, ISBN 978-3-929211-11-5)
Dienstag, 22.
Januar 2008, 19.00Uhr, Moritzbastei Ratstonne
Afghanistan &
Irak: „Nation building“ mit aller Gewalt +++
Iran: Wie man zum „Schurkenstaat“ wird +++
Israel: Die „einzige Demokratie im Nahen
Osten“ lässt den Palästinensern keine Chance
Wie eine
(anti-)terroristische Vereinigung
demokratischer Staaten den Weltfrieden
durchsetzen will
Die
Weltanschauung des Demokratischen Imperialismus
kennt und akzeptiert keine
objektiven Gründe gegen die weltweite Herrschaft
des kapitalistischen Geschäfts und die
militärische Gewaltsuprematie einer Handvoll in
der NATO verbündeter Staaten. Zwar produziert
die Einrichtung namens Weltmarkt tagtäglich
Hunderte von Hungertoten und massenhaftes Elend
(nicht nur in der einstmals sogenannten Dritten
Welt) und die Blutspur der westlichen
Streitkräfte verrät einiges über das Idyll
namens Weltfrieden; dennoch sind sich nicht bloß
die Parteigänger der Bush-Administration,
sondern alle überzeugten Demokraten in der
Festlegung einig, dass das nie und nimmer am
System liegt, sondern an seiner mangelhaften
oder auch einmal zugegeben fehlerhaften
Implementierung. Der permanente Kriegszustand
mit dem schönen Namen Weltordnung verdanke sich
folglich nicht antagonistischen Widersprüchen in
Ökonomie und Politik, Widerstand sei nicht die
Reaktion systematisch geschädigter Interessen,
sondern das Walten prinzipiell systemfremder
Feinde, deren Eliminierung oder zumindest
Ausschaltung die Stabilität unserer besten aller
möglichen Welten wiederherstellt und garantiert.
So galt die Sowjetunion als letzte Ursache aller
Aufstände in Asien, Afrika und Lateinamerika,
aber auch von Kapitalismusgegnerschaft in
Kernländern des Demokratischen Imperialismus –
bis zu ihrer Kapitulation mittels
Selbstauflösung. Die Lüge geht jedoch weiter: Wo
eigentlich Friede, Freundschaft und
demokratische Weltbeglückung hätten Einzug
halten müssen, nachdem selbst der böse Feind im
Kreml sich zum Sicherheitspartner und
Weltmarktmitglied bekehrt und aller
Systemwidrigkeit abgeschworen hat – wird ein
Krieg nach dem anderen angezettelt und ein ganz
neues „Reich des Bösen“ in Gestalt des
fundamentalislamisch ausgerichteten Terrorismus
als Feind entdeckt, der umso heimtückischer ist,
weil er ohne festes staatliches Territorium
auskommt, das die Aeroplane der Freiheit
plattmachen könnten.
Der
totale „Krieg gegen den Terrorismus“
erkor Afghanistan als erstes
Schlachtfeld, weil die USA den Verdacht, die
Regierung der Taliban beherberge Osama Bin Laden
zum Kriegsgrund erklärten und das Land für die
Air Force zum uneingeschränkten Abschuss
freigab. Als Fortschritt in der ungehemmten
Entfaltung des modernsten Zerstörungspotentials
wurde von Anfang an auf die verharmlosende
Entschuldigung von den „Kollateralschäden“
verzichtet. Vielmehr ist im Land der Paschtunen
ohne Zweifelsfall jeder von der
Kriegsmaschinerie der Freiheitskoalition erlegte
Mensch ein Aufständischer gegen das behauptete
Kriegsergebnis, mit dem Abzug der
Taliban-Regierung aus Kabul habe sich
Afghanistan für den Status eines
NATO-Protektorats entschieden. Entgegen der sich
selbst den notorischen Nachbetern der von
imperialistischer Gewalt gesetzten
„Sicherheitslage“ nicht verschließenden Realität
zwischen Kabul und Herat werden Auftrag und
Aufgabe der NATO-verbündeten Soldateska vor Ort
immer noch als mehr oder weniger gelungene
„Aufbauhilfe“ rezensiert und beharrlich nicht
als die Fortdauer eines in Wahrheit weder
beendeten und bis auf weiteres nicht gewonnenen
Krieges in und um Afghanistan zur Kenntnis
genommen.
Erst recht im Irak erweist sich
das amerikanische Kriegsziel, durch die
Beseitigung des unter Terrorverdacht subsumierten
Regimes in der Bevölkerung die Kollaboration in
einem prowestlichen US-Satellitenstaat zu
erzwingen als Schimäre, der durch so obszöne
Veranstaltungen wie die Erhängung Saddams und
seiner Mitregierenden anscheinend noch
Überzeugungskraft verliehen werden sollte. Statt
„Nation-building“ kommt jetzt ein „failed state“
raus und nach dem „Sieg“ sind mehr GIs krepiert
als im Krieg selber. Wie konnte es soweit kommen?
Ein
„Schurkenstaat“
namens Iran
soll auch im Irak zur
„Destabilisierung“ beitragen, weil er sich
einmischt, was ihm nicht zusteht, obwohl er im
Unterschied zu allen anderen dort Truppen
unterhaltenen Mächten nicht nur eine Grenze mit
dem Irak teilt, sondern über diese auch schon
einmal bewaffnet attackiert und seine Armee mit
Giftgas traktiert worden ist. Die USA haben die
Islamische Republik zum nächsten Kriegsgegner
erklärt und die Verbündeten im Freiheitslager
teilen das Feindbild und ringen um eine
differenzierte Strategie, bei der sie ihre
Interessen gewahrt wissen. Als Kriegsgrund soll
das iranische Nuklearprogramm herhalten, weil es
auch militärisch genutzt werden könnte. Da hilft
es Teheran nichts, die ausschließlich zivilen
Zwecke seiner Uran-anreicherung zu beteuern. Oder
gar auf den Statuten des
„Non-Proliferation“-Vertrags herumzureiten, deren
Normen dem Iran die Anreicherung des Urans
schließlich gestatten würden. Der Verweis auf das
allzeit und allseits immer tangierte
Grenzenloses
Sicherheitsinteresse
Israels
läutert die Option eines
„Erstschlags“ der bei Auswärtsspielen erprobt
erfolgreichen Luftwaffe des Staates der Juden
(Tunesien, Irak, Syrien) gegen die Atommeiler in
Iran zur präventiven Verhinderung eines neuen
Holocaust durch die angeblichen Leugner des
historisch stattgefundenen. Deshalb auf dieser
Veranstaltung auch noch ein brandaktueller
Exkurs über die Fortschritte des
sagenhaft geglückten Exempels für „Nation-building“
namens Israel seit seinem Versuch in Sachen
Nation-destruction im Libanon und den damit
einhergehenden vernichtenden Aussichten für das
„State-building“ Projekt der Palästinenser.
Vortrag und
Diskussion mit Dr. H.L.Fertl Redakteur der
Zeitschrift GEGENSTANDPUNKT
Mittwoch, 19.
Dezember 2007, 19.00Uhr, Raum 712 im
Interimsgebäude "Brühl", Am Brühl 34-50
Das
Geld
des Staates –
über
das
Verhältnis von Eigentum und Gewalt
Moderne
Staaten
regieren mit Geld. Die Sachen und Dienste, die
der Staat für sich und die Betreuung seiner
Gesellschaft braucht, vom Krippenplatz bis zum
modernen Kampfflugzeug, kauft und bezahlt er mit
Geld. Im Geld, dem nationalen Reichtum in
abstrakter und universell verwendbarer Gestalt,
hat der Staat das passende Mittel für all seine
Notwendigkeiten und Bedürfnisse.
Dieses Geld bezieht der
Staat als Steuern und Abgaben von seinen
Bürgern: überall, wo die Geld verdienen, zweigt
er einen Teil für sich ab. Dass Geld verdient
wird und wieviel davon, entscheidet über den
Umfang der Mittel des Staates. Umgekehrt
erbringt jeder Bürger mit dem Geldverdienen
einen Dienst für den Staat, denn er mehrt dessen
Mittel.
Es ist also das
Interesse des Staates, dass in seiner
Gesellschaft die Geldvermehrung möglichst gut
klappt. Und dafür hat er einiges zu tun. Er muss
sich mit seiner Gewalt überhaupt dafür
einsetzen, dass das Eigentum gilt, also für Geld
alles, aber ohne Geld nichts zu haben ist. Nur
so ist jeder in Gesellschaft aufs Geldverdienen
angewiesen. Doch damit fangen die Aufgaben des
Staates erst an, denn damit hat er eine
Konkurrenzordnung installiert, in der sich die
Bürger gegenseitig das Geldverdienen bestreiten.
Ob bei den privaten Bemühungen seiner Bürger ums
Geld auch wirklich ein nationales Gesamtwachstum
herauskommt, von dem der Staat partizipieren
kann, ist keineswegs ausgemacht und muss
deswegen staatlich beaufsichtigt und befördert
werden.
Mittwoch, 5.
Dezember 2007, 18.00Uhr, Moritzbastei Ratstonne
Vortrag
mit
Diskussion zum
Thema:
Das Geld. Einige
Wahrheiten über Ware, Geld und Kapital.
Geld muss man nicht erklären,
man muss es haben; das ist jedermann
selbstverständlich. Denn mit Geld erlangt man
Zugriff auf die unerschöpfliche Warenwelt, für
die die Marktwirtschaft so berühmt ist. Die
Kehrseite dieser geschätzten Leistung des Geldes
ist allerdings auch jedem bekannt: ohne Moos nix
los! Wenn die Geldsumme aufgebraucht ist, ist es
mit dem freien Zugriff vorbei. Vorhanden sind
die begehrten und benötigten Güter zwar nach wie
vor, aber verfügbar sind sie nicht. Alle
Konsumtionsbedürfnisse müssen sich daran messen
lassen, ob sie mit ausreichender
Zahlungsfähigkeit ausgestattet sind.
Daher
sieht
man sich mit dem unausweichlichen und dauerhaften
Zwang konfrontiert, Geld zu verdienen. Und das
nötigt den meisten Menschen eine Menge Sorgen auf.
Auch wer, was nicht selbstverständlich ist, einen
Arbeitsplatz und damit eine Verdienstmöglichkeit
hat, muss dort eine Leistung erbringen, die ihm
auf Dauer nicht gut bekommt. Und die verdiente
Geldsumme richtet sich nicht nach dem, was man an
Bedürfnissen angemeldet hat, sondern es ist
umgekehrt: man muss mit dem Geld auskommen, das
man verdient. Allgegenwärtig sind daher die Klagen
über den Stress beim Geldverdienen, über das wenig
zufriedenstellende Resultat, über die hohen
Preise, und überhaupt über das wenige Geld hier
und den vielen Reichtum dort.
Fatal also, wenn man dem Zwang,
Geld zu verdienen, nur die Ermunterung entnimmt,
ihm möglichst erfolgreich nachzukommen. Wer sich
das Geld nicht erklären will, soll über dessen
ungleiche Verteilung nicht jammern. Umgekehrt: Wer
nicht immer nur über die Sorgen mit dem Geld und
seine ungerechte Verteilung klagen will, der
sollte sich lieber das Geld und die mit ihm gültig
gemachte ganz und gar nicht so vernünftige und
sachnotwendige Produktionsweise erklären.
Der
Referent,
Dr. Theo Wentzke, ist Mitautor der kürzlich
erschienen Buches
Das
Geld Von
den vielgepriesenen Leistungen des schnöden
Mammons (162
Seiten, 15.– €, ISBN 978-3-929211-11-5)
Geld,
das allgültige Mittel für den Erwerb von Gütern
auf dem Markt, ist kein Dienst an der Konsumtion;
vielmehr sind mit Kauf und Verkauf auf dem Markt
alle Konsumtionsbedürfnisse dem Geld unterworfen.
Im Geld als dem allgültigen gesellschaftlichen
Repräsentanten des Reichtums ist der Gegensatz
dieses Reichtums zu den materiellen Bedürfnissen,
zu Versorgung und Genuss vergegenständlicht:
Bereicherung auf der einen Seite beruht auf
Ausschluss vom Reichtum auf der anderen.
2.
Geld
und seine produktive Vermehrung: ‚Ohne Gewinne
geht nichts!‘
Das
Geld als Reichtum in Privathand bestimmt den
gültigen Produktionszweck – seine Vermehrung – und
stiftet ein gegensätzliches Produktionsverhältnis:
Es scheidet Geldbesitzer als Unternehmer, die für
Geld arbeiten lassen, von Lohnarbeitern, die sich
gegen Bezahlung anwenden lassen. Es fungiert so
als Kapital, das sich vermehrt, d. h. es ist
vergegenständlichtes Kommando über die lebendige
Arbeit und sichert die Aneignung von deren
Ergebnissen.
3.
Geld
und Kreditwesen: ‚Alles hängt am Vertrauen der
Finanzmärkte!‘
In
Gestalt des Banken- und Finanzwesens, das die
Bereitstellung von Geld und Kredit zu einem
eigenen Geschäft macht, wird alles Geld der
Gesellschaft dem Zweck der Vermehrung verfügbar
gemacht und dadurch die geschäftliche Verfügung
über Geld von vergangenen und laufenden Geschäften
emanzipiert. Der allgegenwärtige Geld- und
Kreditbedarf ist Bereicherungsmittel einer eigenen
Geschäftssphäre. Das Kreditwesen in seinen
einfachen und abgeleiteten Formen stiftet neue
Geldvermehrungsgelegenheiten und -mittel. Es
schafft damit zugleich lauter erweiterte Ansprüche
auf Wachstum des Geldreichtums, die es mit seinen
Krediten antizipiert. Es vollendet die Macht des
Geldes über alles materielle Wirtschaften, indem
es mit seiner Kreditmacht über Gelingen und
Misslingen der Produktion von Geldreichtum
entscheidet, sich an dieser bedient und sie den
(selbst)ständig wachsenden Ansprüchen der
Finanzwelt subsumiert.
4.
Geld
und Staatsmacht: ‚Nichts geht über ein gutes
Geld!‘
Der
ökonomische
Sachzwang des Geldes, der die gegensätzlichen
ökonomischen Privat-interessen bestimmt, beruht
auf der Gewalt des Staates, der das Geld und die
ihm entsprechenden Eigentumsverhältnisse durch-
und ins Recht setzt, sowie die damit gültig
gemachten Bereicherungsinteressen und deren
Gegensätze beaufsichtigt und betreut. Als Stifter
des nationalen Geldes, Organisator und Aufseher
aller über es vermittelten Beziehungen ist er
Garant und Nutznießer dieser Verhältnisse: Das
Geld ist die adäquate Form des nationalen
Reichtums, Mittel der staatlichen Macht, seine
Vermehrung also alles bestimmender Zweck der
Staaten. Diese konkurrieren um die Bewährung ihrer
nationalen Gelder und damit um ihre Bereicherung
an der ganzen Welt.
Mittwoch, 28.
November 2007, 19.00Uhr, Raum 610 im
Interimsgebäude "Brühl", Am Brühl 34-50
Kritik der
psychologischen Weltanschauung: Alles nur
Verhalten?
Wie sich
Psychologen die Welt erklären am Beispiel
der Kognitionspsychologie und Biopsychologie
Psychologische Theorien
fahnden nach dem Grund dafür, warum die Menschen
tun, was sie tun. Dabei gehen sie allerdings
äußerst merkwürdig vor. Erstens beginnt ihre
Fahndung damit, dass sie jeden bestimmten Inhalt
menschlicher Aktivitäten für unwichtig erklären:
Arbeit, Liebesleben, Religion, Krieg … alles
gerät ihnen zu bloßen, für sich genommen
uninteressanten Beispielen für ein Ding namens
„Verhalten“. Ausgerechnet mit dem Absehen von
allem Inhalt wollen sie dem Grund von allem auf
die Schliche kommen. Zweitens wissen sie sehr
genau, wo sie nach diesem Grund zu suchen haben:
Der Schlüssel für die Erklärung allen
menschlichen Tuns – da sind sich Psychologen
ganz sicher – liegt im „Inneren“ des Menschen.
In diesem „Inneren“ entdecken sie dann wahlweise
das Wirken von Kräften, Trieben, Reizen usw.
Dass Menschen ihren Verstand und Willen
betätigen – da sind sich die Psychologen einig –
kann jedenfalls nicht die Erklärung dafür sein,
was sie tun.
Angesichts dieser trostlosen
Quintessenz der scheinbar so bunten Welt
psychologischer Theorien fragt es sich schon,
was dieser Art des Denkens nicht nur den Rang
einer anerkannten Wissenschaft, sondern auch
ganz viel Popularität außerhalb akademischer
Kreise verschafft hat. An der Stichhaltigkeit
der Argumente kann es jedenfalls nicht liegen.
Offenbar trifft die psychologische Wissenschaft
auf ein gesellschaftliches Bedürfnis, dem die
mangelnde theoretische Stichhaltigkeit nicht nur
nichts ausmacht, sondern das sich ganz gut
bedient sieht mit Theorien über das
(Nicht-)Funktionieren des menschlichen
Seelenapparats und den daraus verfertigten
praktischen Hinweisen, mit deren Hilfe der
Mensch mit sich und der Welt ins Reine kommen
soll.
Mittwoch, 14.
November 2007, 18.00Uhr, Raum 721 im
Interimsgebäude "Brühl", Am Brühl 34-50
Prof. Dr.
Albert Krölls
Vortrag
mit Diskussion zum
Thema:
Kritik der
Psychologie
Das moderne Opium
des Volkes
Prof. Krölls stellt sein demnächst in 2. Auflage
erscheinendes Buch Kritik der Psychologie. Das moderne Opium
des Volkes vor.
Der Untertitel ist Programm.
Er beinhaltet die zentrale These der von Albert
Krölls vorgelegten Kritik der Psychologie.
Danach besteht die unbestreitbare Leistung der
psychologischen Weltanschauung in der
erfolgreichen Selbstmanipulation des schwierigen
Willens zum Glück in einer Gesellschaft, deren
Subjekte bei der herrschaftlich konzessionierten
Verfolgung ihrer Lebensinteressen unter den vom
Staat vorgegebenen Bedingungen ihrer Betätigung
andauernd auf die Schranken der konfligierenden
Interessen anderer stoßen.
Die Kunst der Glücksfindung
besteht demgemäß darin, die Erwartungen an die
Welt an deren harte Realitäten anzupassen und
umgekehrt die Anforderungen der sozialen
Wirklichkeit als Bewährungsprobe für
sich und seine werte Persönlichkeit zu
betrachten und in der Erfüllung seiner
gesellschaftlichen Pflichten seine
Selbstverwirklichung zu suchen. Der
psychologisch gebildete Mensch, der seine
Niederlagen auf den Kampffeldern des
bürgerlichen Lebens nicht den Prinzipien der
Konkurrenzgesellschaft, sondern sich selbst und
seiner mangelnden „Erfolgsfähigkeit“
zuschreibt, macht sich geistig frei von
der Befassung mit den seine Existenz regierenden
ökonomischen und politischen Interessen, für
deren Erfolg er als Arbeitnehmer,
Erziehungsberechtigter und Soldat einzustehen
hat. Wer vom Wunsch beseelt ist, von der
gesellschaftlichen Umwelt den Wert der eigenen
Person bestätigt zu erhalten, ist umgekehrt von
einem grundsätzlichen Verständnis für alle
Zumutungen erfüllt, die ihm Staat und Ökonomie
des demokratischen Kapitalismus auferlegen. Wer
sich die psychologische Sichtweise der Welt und
seiner dienstbaren Rolle in ihr zu Eigen macht,
der entspricht also in idealer Weise dem
Anforderungsprofil des
demokratisch-kapitalistischen Staatsbürgers.
Seine Unterwerfung unter die Zwänge der
bürgerlichen Gesellschaft erscheint als
Akt der Freiheit, als Verwirklichung gelungener
Subjektwerdung.
Die Wissenschaft der
Psychologie liefert für dieses Bedürfnis,
die kapitalistische Gesellschaft und ihre
Einrichtungen als Summe von Chancen und
Möglichkeiten für das Subjekt zu betrachten,
eine sachadäquate Theorie des Willens.
Dieser Theorie zufolge ist der Wille des
Menschen keinesfalls das einfache Resultat
seiner Absichten und Beschlüsse. Vielmehr ist
sein Handeln determiniert durch innere und
äußere Bedingungen: Triebe,
Reiz-Reaktions-Mechanismen, Dispositionen,
Verhaltensmuster, Umwelteinflüsse etc. Ihr
Wissen um die geheimen Wirkkräfte der Seele
gewinnen Psychologen vornehmlich dadurch, dass
sie die Handlungen der Subjekte in deren
„seelisches Innenleben“ reflektieren und
das praktische Tun als Äußerung der inneren
Möglichkeit dazu bestimmen. So erklären sie auf
mustergültig tautologische Weise das Reich der
menschlichen Aktivitäten durch ebenso viele
gleichnamige Antriebe: den Krieg und andere
Gewalttätigkeiten aus einem Aggressionstrieb,
die Ausübung von Macht aus dem Machtstreben, die
Liebe aus einem Liebestrieb, das Lernen aus der
in verschiedenen Quanta auf die Menschen
verteilten Lernfähigkeit u. s. w.
Die Leistung dieser
gedanklichen Operation, das heißt: der
Verdopplung jeder Handlung in ihre innere
Ermöglichung und ihre äußere Aktualisierung
besteht darin, Bewusstsein, Willen und Verstand
grundsätzlich zu Schauplätzen menschlicher
Unfreiheit zu erklären.
Mit dieser Bestimmung des
Willens als abhängiger Variable eines
Ensembles innerer und äußerer Wirkkräfte
erteilt die Psychologie dem Menschen jedoch
zugleich einen umfassenden Steuerungsauftrag.
Derselbe Mensch, eben noch als willenloser
Spielball psychischer Impulse definiert, soll
nunmehr als Konfliktmanager der
widersprüchlichen Ansprüche fungieren,
welche seine innere Dispositions- oder
Motivationslage und die äußere Welt an ihn
erheben. Er soll im Kampf mit sich selbst
sein seelisches Gleichgewicht herzustellen, ein
Programm, das seit Freud unter dem
psychologischen Namen einer
gelungenen Ich-Bildung bekannt ist.
Jedenfalls dazu soll der Rest an Wille und
Verstand, den die Psychologie dem Menschen
zugesteht, noch zu gebrauchen sein.
Der angebliche Kampf der
seelischen Instanzen ist freilich nur die zur
inneren Angelegenheit verdrehte Anforderung der
Psychologie an den bürgerlichen Menschen, seine
Wünsche und Bedürfnisse mit der Realität in
Einklang zu bringen, damit sie sich nicht als
Enttäuschung oder ausgewachsenes Seelenleiden
gegen die Funktionstüchtigkeit des bürgerlichen
Subjektes geltend machen. Für diese
Anpassungsleistung steht das Realitäts-Prinzip
der Seele. Wer den Krieg der seelischen
Instanzen bewältigt, ist realitäts-tauglich:
„arbeits- und genussfähig“, wie einst Übervater
Freud versprach.
Die systematische Darstellung
dieses Zusammenhangs zwischen den
Erklärungsmustern der psychologischen
Weltanschauung und ihrem Gebrauchswert für die
kapitalistische Konkurrenzgesellschaft bildet
das Leitthema des Buches. Im Rahmen eines
exemplarischen Durchganges durch die
pluralistische Welt psychologischer
Theorien werden die verschiedenen Ansätze darauf
hin untersucht, welche
besonderen Beiträge sie zum
psychologischen Programm der Anpassung des
bürgerlichen Konkurrenz-Subjektes an seine
gesellschaftliche Heimat erbringen, worin
ihr politisch-legitimatorischer Gehalt
besteht und auf welchen systematischen Fehlern
der wissenschaftlichen Theoriebildung diese
gesellschaftliche Nützlichkeit gründet.
Donnerstag, 12.
Juli 2007, 18.30
Uhr,
Raum 528 im
Seminarinterim "Brühl", Am Brühl 34-50
Freunde und
Feinde von Chávez' Venezuela
Wir
wollen
uns anhand (z.B.) dieser Zitate mit den
öffentlichen feindlichen und freundlichen
Urteilen über die Politik in Venezuela auseinandersetzen.
Die Feinde:
Was stört eigentlich an Chávez?
„Venezuela, wo ein
im Ölgeld schwimmender Demagoge die Demokratie
aushöhlt und die Stabilität der Region
bedroht" (Nationales Strategiepapier der US
Regierung, 2002) „... Für den
IWF kommt der Austritt Venezuelas zu einem
ungünstigen Zeitpunkt. Seit Jahren verliert er
an Bedeutung, weil immer weniger Länder
Kredite in Anspruch nehmen. Bereits Ende 2005
hatten Brasilien und Argentinien ihre Schulden
vorzeitig an den IWF zurückgezahlt, der nun
mit dem Ausfall der fest eingeplanten
Zinszahlungen zu kämpfen hat...“ (ZEIT
online 3.5.2007, Manuel Mayer)
Welches Unrecht begeht Chávez? „... Er
(Chávez) verpulvert die begrenzten Einkünfte
in Propaganda, Militär, Sozialausgaben und für
den „Kauf“ alliierter Nachbarländer, welche
ihn bei seiner „bolivarischen Revolution“
helfen können. Investitionen in Technologie
und Infrastruktur kommen in seinem Programm
allerdings zu kurz...“ (ZEIT online
3.5.2007)
Die Freunde:
Venezuela als Beweis der „möglichen anderen
Welt“? „...Also gab
es einen Militärputsch - und das Problem war
erledigt. Das Gleiche hat sich überall in der
Hemisphäre abgespielt. Heute sieht alles viel
hoffnungsvoller aus – sie (die USA) kämen
heute nicht mehr durch damit –, und es gibt
Kooperation. Zudem lässt sich Bewegung
erkennen: in Richtung eines gewissen Maßes an
Unabhängigkeit auf politischer, ökonomischer
und sozialpolitischer Ebene, hinsichtlich der
Kontrolle über die eigenen Ressourcen sowie
hinsichtlich der Verankerung sozialer
Veränderung ...“ (Noam Chomsky
und Bernie Dwyer,
http://sandimgetriebe.attac.at/3420.html)
Chávez
hat
sich also mit seiner Politik die
Feindschaft der mächtigsten Staaten zugezogen,
manche feiern ihn deshalb als Hoffnungsträger
für eine andere Welt. Anstatt Hoffnung für
Lateinamerika zu schöpfen, halten wir es für
nötig, sich mit den Heimatländern von Demokratie
und Marktwirtschaft zu beschäftigen. Die sorgen
schließlich mit ihrer Macht für die Zustände
gegen die Venezuela jetzt ankämpfen muss.
Donnerstag, 5. Juli
2007, 19.00 Uhr, Moritzbastei Ratstonne
Vortrag mit
Diskussion zum Thema:
Linksruck
in
Lateinamerika:
Venezuelas
Aufstand
im Hinterhof der USA
In Lateinamerika, also
gerade in der "ureigenen Hemisphäre"
Washingtons, lehnt sich in einem wichtigen
Öl-Land, das ausgerechnet vorrangig die USA
beliefert, eine Regierung mit breiter
Unterstützung des Volkes gegen die
Vorherrschaft von US-Kapital und US-Politik
auf. Von Washington bekämpft, von den hiesigen
Medien verurteilt, wird Venezuelas Präsident
mit seiner Politik von Globalisierungsgegnern
und anderen Linken als neuer Hoffnungsträger
für deren Beteuerung gefeiert, dass "eine
andere Welt möglich" ist.
Fragt sich: Was
macht Chávez in Venezuela, dass er bei den
einen so verhasst, bei den anderen so beliebt
ist?
Referent: Dr. T. Wentzke
(Redakteur der Zeitschrift GegenStandpunkt)
Zitate und Thesen zum Vortrag:
„Venezuelas Präsident
Hugo Chávez macht Ernst mit seinem „Sozialismus
des 21. Jahrhunderts“ und will auch westliche
Konzerne enteignen. Für seine neue Amtszeit
kündigte er die Verstaatlichung von
Telekommunikation, Strom- und Ölfirmen an, zudem
soll die Zentralbank die Unabhängigkeit
verlieren… Der Linksnationalist will auch
ausländische Raffinerien im Orinoco-Gebiet unter
einheimische Kontrolle stellen… Damit macht
Chávez weitere Privatisierungen seiner Vorgänger
rückgängig und setzt nach seinem Wahlsieg vom
Dezember seine Revolution fort.“
(SZ, 10.01.07)
„Seit Jahren warnen
Ökonomen, Politiker und Manager vor einem
Rückschlag für die Globalisierung. Jetzt scheint
es, als sei der so oft beschworene ‚Backslash‘
wirklich gekommen. Und der Name, der dafür
steht, heißt Hugo Chávez. Der venezolanische
Präsident bündelt den Protest gegen alles, was
gemeinhin mit der neoliberalen Globalisierung
verbunden wird: Privatisierung, Liberalisierung,
Freihandel, Weltbank, internationale
Währungsfonds, die Wall Street und vor allem die
Vereinigten Staaten selbst.“
(SZ, 13.01.07)
Die vorgefundenen Zustände in seinem Land
findet Chávez untragbar: Das eingeborene Volk
verarmte zusehends und wachsende Teile wurden
gewaltsam niedergehalten, während gleichzeitig
inländisches und ausländisches Kapital den
Reichtum vermehrte. Die Bedienung
internationaler Schulden war zum leitenden
haushaltspolitischen Gesichtspunkt erhoben,
das „neoliberale“ Programm der
lateinamerikanischen Staaten, als Anlagesphäre
ausländischer Unternehmen voranzukommen,
national verbindlich gemacht worden. Die
einschneidenden Folgen für Land und Leute mit
Gewalt zu managen, befand Chávez für
untragbar. Verelendung und gewaltsame
Niederhaltung wachsender Volksteile auf der
einen, inländische und ausländische
Bereicherung zu Lasten des Gemeinwesens auf
der anderen Seite bewiesen ihm, dass es an
einer ordentlichen national gesinnten Politik
fehlte.
Chávez tritt mit dem Programm und dem
Standpunkt an, das Ölgeld anders als bisher zu
verwenden. Mit den Erlösen aus den Ölexporten
versuchen die politischen Führer Venezuelas
gegen die ruinösen Folgen der
Weltmarktabhängigkeit vorzugehen und
finanzieren soziale Programme für das Volk.
Die Verstaatlichung der Öl- und anderer
Industrien soll die Schäden stoppen, die die
Ausbeutung dieser Reichtumsquellen,
insbesondere durch ausländische Ölmultis, bei
Land und Leuten angerichtet hat.
Mit diesen Maßnahmen schaffen sie sich
erbitterte Feinde bei den Hütern der
Weltwirtschaftsordnung. Diese wollen nicht
hinnehmen, dass eine lateinamerikanische
Regierung den Status, den ihr Land im
Weltmarkt hat, prinzipiell in Frage stellt.
Ihre Länder sind als fester Besitzstand der
„Global Player“ und als frei verfügbare
Zugriffssphären internationalen Kapitals
vorgesehen – ohne Rücksicht auf nationale
Folgen.
Auch im Inneren erwachsen Chávez Gegner: Es
sind die Kreise, die sich ihrer alten
Erwerbsquellen beraubt sehen und daher um ihre
Macht kämpfen. Um sich ihrer zu erwehren,
mobilisiert er das Volk zu einem dauernden
Machtkampf, an dem sich das Überleben des
politischen Programms entscheidet. Nach außen
ist er auf das Geschäftsinteresse der
Ölkonzerne angewiesen, ihm den Stoff
abzukaufen, aus dessen Erlösen er seine
Sozialprogramme finanzieren muss. Ausgerechnet
die kommerziellen und politischen Interessen
der USA und der anderen imperialistischen
Staaten bestimmen über die Handlungsfähigkeit
und ökonomische Freiheit seines
Volksversorgungsprogramms.
Bewunderer dieses
Programms, die in diesem Aufbegehren gegen die
Weltmacht Nr. 1 und die Weltmarktgegebenheiten
eine Chance für den Sozialismus und einen
Teilsieg im Kampf gegen die Weltordnung
entdecken, die durch die G 8 repräsentiert
wird, liegen falsch mit der Deutung einer
hoffnungsvollen Bewegung hin zu besseren
Verhältnissen auf der Welt. Einerseits, weil
sie das Programm von Chávez und seiner
Mannschaft hoffnungsvoll falsch deuten als
einen „Aufbruch in den Sozialismus des 21.
Jahrhunderts“, wo diese sich daran abarbeiten,
überhaupt Verelendung und Verarmung in Griff
zu kriegen und das Überleben der Massen
sicherzustellen. Andererseits täuschen sie
sich in dem Charakter der
Feindschaftserklärung durch die versammelte
imperialistische Staatenwelt; der gnadenlose
Unvereinbarkeitsbeschluss gegen abweichende
Dritt-Welt-Politiker wie Chávez hat nämlich
seinen Grund in der Staatsräson der großen
marktwirtschaftlichen Demokratien, die aus
ihrer Macht und der Reichweite ihrer
Interessen ihr Recht ableiten, weltweit
Verantwortung zu übernehmen. Diese
Verhältnisse sind nur dort zu beseitigen, wo
sie täglich (re)produziert werden…
zurück zur
Übersicht Donnerstag,
21. Juni 2007, 18.30 Uhr, Raum 528 im Seminarinterim "Brühl", Am
Brühl 34-50
als
Ergänzung
zum Thema Familienpolitik einige Bemerkungen zu
Liebe und Familie im Kapitalismus
Das Liebesverhältnis – eine Ausnahme
von den üblichen Verkehrsformen im
Kapitalismus
Wieso will der Staat die Familie und
was heißt das für den Beschluß zum
gemeinsamen Glück?
Von den Strategien
zum Aushalten der Konkurrenz durch
Familienglück zur Durchhaltetechnik in Ehe
und Familie
Kinder
–
das ist heutzutage ein Gemeinplatz – sind in
dieser unserer „Wohlstandsgesellschaft“ ein
„Armutsrisiko“; nämlich
für diejenigen, die sie bekommen und aufziehen.
Das ist so – und an
diesem grundsätzlichen Sachverhalt soll sich
nach dem Willen der herrschenden Politik auch
nichts ändern. Schließlich unterstützt und
befördert die Politik ja selbst seit Jahren mit
aller Macht die Senkung des nationalen
Lohnniveaus; sie selbst sorgt mit der immer
neuen Absenkung von Sozialleistungen – zuletzt
mit dem großen Reformwerk namens „Hartz IV“
– dafür, dass dem
anlagewilligen Kapital möglichst viel billige
und willige Arbeitskraft zur Verfügung steht.
Das Ergebnis dieser Verarmungspolitik feiern
Politiker wie Öffentlichkeit derzeit als Erfolg
deutscher Standortpolitik: Die Wirtschaft und
deren Gewinne boomen, mit dem Wachstum in
Deutschland geht es aufwärts und mit ihm füllen
sich wieder die Kassen des Finanzministers.
Diese
Verarmungspolitik
trifft – wie könnte es auch anders sein! –
die Lohnempfänger in ihrer Eigenschaft als
Familien. Die absehbaren Folgen kann man jeden
Tag in der Zeitung lesen: Immer mehr Kinder
leben in Armut, bekommen keine anständige
Betreuung mehr. Und nicht nur das: Angesichts
ihrer finanziellen Umstände und Perspektiven
entscheiden sich immer mehr prospektive Eltern,
gleich gar keine Kinder mehr in die Welt zu
setzen. Vor allem diese Wirkung ihrer
konsequenten Verarmungspolitik lässt die Politik
nicht ruhen. Dass die Geburtenraten sinken und
der nationale Nachwuchs ausbleibt, passt ihr
nicht; dass das eine Konsequenz der finanziellen
Lasten und Nachteile sein soll, die Kinder so
mit sich bringen, soll nicht sein.
Also
ist
Familienpolitik gefragt und in der
Verantwortung, etwas dafür zu tun, dass sich im
Volk der Kinderwunsch wieder einstellt. Eine
Frau von der Leyen weiß auch, wie. Zunächst
einmal hat sie viel Verständnis für die
Drangsale, die prospektiven Eltern heutzutage zu
schaffen machen: Dass es „nicht einfach ist,
Ausbildung, Beruf, Partnerschaft, Karriere und
Kindererziehung unter einen Hut zu bringen“,
gesteht die Familienministerin gerne zu. Dass es
hier mit moralischen Appellen nicht getan ist,
weiß die Familienministerin allerdings auch.
Wenn die Herstellung kapitalnützlicher Armut in
Widerstreit gerät zu dem Dienst, den die Familie
als „Keimzelle des Staates“ zu leisten hat –
dann muss in dieser Abteilung Soziales auch
wieder mal Geld fließen, damit das Kinderkriegen
wieder attraktiv wird: „In Anbetracht steigender
Kinderlosigkeit werden Maßnahmen gebraucht,
welche die Entscheidung für Kinder erleichtern
und die wirtschaftliche Stabilität von Familien
stärken.“ Diese „wirtschaftliche Stabilität“
hängt heutzutage nämlich in aller Regel daran,
dass beide Partner arbeiten. Diese Feststellung
ist nicht als kritische Auskunft über die Höhe
von Löhnen und Gehältern gemeint, die Frauen wie
Männern so gezahlt werden, sondern gilt der
Ministerin als schlechte Bedingung dafür,
dass diese „Partner“ außer ihrer Tätigkeit im
Beruf noch die des aufopferungsvollen
Kindererziehers auf sich nehmen. An der
Bedingung will sie finanziell ein bisschen
drehen – damit die Familien dann mit ihrem
Kinderwunsch anders rechnen.
Viel
zu
tun also für eine Familienpolitik, die dafür
sorgen will, dass wieder zueinander passt, was
auseinandergedriftet ist: Die privaten
Lebenspläne der Bürger und der staatliche Bedarf
an echt deutschem Nachwuchs. Elterngeld und
Krippenplätze hat Frau von der Leyen sich als
Maßnahmen ausgedacht, um den staatlich
erwünschten Kindersegen als ganz private
Lebensentscheidung der Bürger herbeizuregieren.
Und hat damit eine Debatte ganz anderer Art
losgetreten: Darüber, von welchem Familienbild
sich Familienpolitik hierzulande leiten lassen
solle. Macht das Krippenangebot die Frauen zur
„Gebärmaschine“, wie ein Bischof Mixa tönt –
oder verwirklichen Frauen in der Doppelaufgabe
von Familie und Beruf nicht vielmehr einen
„selbstbestimmten Lebensentwurf“? Wie auch
immer: Auf jeden Fall erfährt so die
Familienpolitik die höhere Weihe, dass es bei
ihr recht eigentlich darum gehe, den Familien
bei ihrem Lebensprogramm Hilfe und Unterstützung
zu gewähren. Das kann der Politik nur recht
sein: So sind alle finanziellen Nöte, die Staat
und Kapital den Leuten servieren, in
„Schwierigkeiten“ verwandelt, mit denen es
zurechtzukommen gilt, und nur noch die eine
Frage von Interesse: Wie „schaffen“ es Familien,
sich dabei zu bewähren?
Folgende Fragen sollen im
Referat behandelt werden:
Was passt der Politik
nicht an einer „sinkenden Geburtenrate“? Wofür
ist er denn nötig und wichtig, der echt
deutsche Nachwuchs?
Wie sieht er aus, der
„besondere Schutz“, den der Staat „Ehe und
Familie“ angedeihen lässt? Was schätzt der
Staat an der privaten Verbindung zweier
Individuen – so sehr, dass er sie an keiner
Stelle mit ihrem Wunsch nach Gemeinsamkeit
allein lässt?
Wie rechnet moderne
Familienpolitik? Was soll mit „Elterngeld“ und
Kinderkrippen bewirkt werden?
Was treibt Bischof
Mixa? Und was ist von den Argumenten zu
halten, die ihm landauf, landab
entgegengehalten werden?
Und schließlich: Die
„andere Seite“ der Familienpolitik: Mehr
Aufsicht und Kontrolle für „Problemfamilien“.
Donnerstag, 07.
Juni 2007, 18.30 Uhr, Raum 528 im Seminarinterim
"Brühl", Am Brühl 34-50 Donnerstag, 24. Mai
2007, 18.30 Uhr, Raum 528 im Seminarinterim
"Brühl", Am Brühl 34-50
Der G8-Gipfel in
Heiligendamm und seine Kritiker
Anfang
Juni
findet der G8-Gipfel statt. Diesmal unter
deutscher Präsidentschaft treffen sich die
Staats- und Regierungschefs der reichsten und
mächtigsten Nationen und präsentieren sich als
„Forum globaler Verantwortung”(1).
Denn so wollen sie sich darstellen und
verstanden werden: als Betreuer einer
verbesserungsbedürftigen und -fähigen
Weltordnung, deren mächtigste Vertreter zwecks
Problemlösungen kooperieren. Dabei tun sie so,
als ob sie diese Probleme – der Weltwirtschaft,
der Armut, der Kriege, der Umweltzerstörung –
ohne eigenes Zutun vorgefunden hätten und ihrer
Entstehung leider ohnmächtig zusehen müssten.
Aber zur Bewältigung dieser Probleme sehen sie
nur sich berufen, da lassen sie sich von keinem
die Last der Verantwortung abnehmen. Um die
Probleme der Welt zu lösen, kann die Macht der
Führungsmächte über die Welt nie groß genug
sein.
Auf
der
anderen Seite des etliche Millionen teuren
Sicherheitszaunes protestieren die Gegner des
Treffens. Sie konstatieren als Ergebnis der
verantwortungsvollen Tätigkeit der G8 „eine Welt
der Kriege, des Hungers, der sozialen Spaltung,
der Umweltzerstörung und der Mauern gegen
MigrantInnen und Flüchtlinge”(2).
Und das werfen sie den G8 als Versagen
vor. Statt einer „Globalisierung im Interesse
der Mehrheit der Menschen” stehen die G8 für
„neoliberale Globalisierung”, statt „fairen
Beziehungen zwischen Industrie- und
Entwicklungsländern” machen die G8 „ungerechte
Welthandelspolitik”, statt „Streichung
illegitimer Schulden und einer fairen
Entschuldung” wurde „den Ländern des Südens
bislang nur ein geringer Teil ihrer Schulden
erlassen” usw. usf.. Diese
Globalisierungskritiker nehmen die
Selbstdarstellung der G8 als wohltätige
Führungsmächte für bare Münze und wollen sie
daran blamieren. All die offensichtlichen
schädlichen Wirkungen des Welthandels und der
Konkurrenz der Staaten können sich diese
Kritiker einfach als unnötige wegdenken – und
wenn sie dennoch auftreten, dann sind die Chefs
der Welt ihrer eigentlichen Aufgabe nicht
richtig nachgekommen. Dann ist ihre Macht nur
„angemaßt” und „illegitim”. Auf die Idee, dass
sie diese eigentliche Aufgabe nur erfunden
haben und dass der Weltmarkt etwas anderes ist
als eine Veranstaltung zur Verteilung nützlicher
Gütern unter den Völkern, kommen die
Protestierenden nicht.
Statt
den
Mächtigen der Welt ihr Versagen vorzuwerfen,
halten wir es für nötig, sich einmal damit zu
beschäftigen, was
sie denn da machen. Was ist der Inhalt ihrer
Politik und was sind das eigentlich für
Probleme, deren Lösung sich die G8 verschrieben
hat? Geht es da wirklich darum, den Menschen auf
der Welt ein angenehmeres Leben zu verschaffen?
Was taugt es, zu jedem „Problem” – von der
Schuldenbetreuung bis zur Regulierung der
Finanzmärkte – die „bessere” Lösung zu
präsentieren? Wie weit her ist es überhaupt mit
der beschworenen Gemeinsamkeit der führenden
Staaten? Vergessen die mal eben ihre Gegensätze,
um beim Ausplündern der armen Länder gemeinsam
Front zu machen? Und woher beziehen sie
eigentlich die Legitimität, die ihnen ihre
Gegner so einfach bestreiten?
1) Internetseite der Bundesregierung, www.g-8.de
2) alle Zitate dieses Absatzes von attac,
www.attac.de
Donnerstag, 3. Mai
2007, 18.30 Uhr, Raum 528 im Seminarinterim
"Brühl", Am Brühl 34-50 Donnerstag, 26.
April 2007, 18.30 Uhr, Raum 528 im Seminarinterim
"Brühl", Am Brühl 34-50
Die erste politische Bilanz der Hartz
IV-Reform:
Der
Staat ist das Opfer der „teuersten
Sozialreform“!(?)
Warum die einmalige Ermittlung
des Existenzminimums nicht genügt und die Leute
darüber immer ärmer werden.
Politik und demokratische
Öffentlichkeit sichten die Resultate der
Hartz-Reformen und sind empört. Allerdings nicht
etwa über das neue Armutsniveau, das den vielen
Arbeitslosen im Lande verordnet wurde. Statt
dessen wird der Staat als Betroffener und Opfer
der Reform ausgemacht, wie dem Gerede von der
„teuersten Sozialreform aller Zeiten“ zu
entnehmen ist. Wo eigentlich Milliarden Euro
gespart werden sollten, „explodieren“ die
Kosten. Das Ergebnis der Ursachenforschung ist
in diesem Standpunkt schon angelegt: wenn 2
Jahre nach Einführung von Hartz IV immer noch
massenhaft Leute darauf angewiesen sind, dann
ist das für Politiker der Beweis, dass diese
Leuten viel zu üppig durchgefüttert werden –
sonst hätten sie ja längst eine Stelle
angenommen! Insofern gilt jeder Gebrauch der
Sozialleistungen immer schon als mindestens des
Missbrauchs verdächtig. Wenn sich Erwerbslose
gezwungener Maßen mit 345 Euro monatlich
einrichten, soll das glatt beweisen, dass diese
gar nicht für nur einen etwas höheren Lohn
arbeiten gehen würden. Wenn sie sich hingegen
legal ein paar Euro zum ALG 2 hinzuverdienen,
liegt auch schon wieder ein Ausnutzen vor. Um
Niedrigstlöhne ein wenig aufzupeppen, dafür
sollen die Sozialleistungen dann nämlich auch
wieder nicht gedacht sein. Die im Juli 2006
beschlossenen Gegenmaßnahmen leisten da eine
neue drastische Klarstellung, wofür Hartz IV
eigentlich gezahlt wird.
Wir wollen uns angesichts dieser
Antwort der Politiker auf die „großen sozialen
Fragen der Gesellschaft“ mal ein paar
grundsätzliche Fragen stellen: Wie kommt
überhaupt die Erwerbslosigkeit zustande, welche
der Sozialstaat betreut? Welchen
Betreuungsbedarf sieht der Staat daran und wie
regelt er ihn? Was ist also der Sozialstaat? Was
hatte es mit den Hartz-Reformen auf sich? Welche
Wirkungen auf das Lohnniveau am Standort D hat
die Reform? Und was ist angesichts dessen von
der angesprochenen Diskussion um ihre Reform zu
halten?
Donnerstag, 25. Januar 2007,
18.30 Uhr, Raum 01-35/36 im Seminargebäude
Die Konsequenzen
aus dem „PISA-Schock“:
Schulreform für den Standort Deutschland
PISA
–
das werteten Politiker und Öffentlichkeit als
eine der größten Blamagen für Deutschland im
internationalen Wettbewerb. Dass die Schüler aus
dem Land der „Dichter und Denker“ im
Ländervergleich auf den hinteren Rängen
landeten, das kann Deutschland nicht einfach so
auf sich sitzen lassen, wo es doch sonst überall
„Spitze“ ist!
Dabei
ist
die höchstoffizielle Nachricht, dass ein Viertel
aller Schüler kaum schreiben, lesen und rechnen
kann und ein weiteres Viertel nicht viel mehr
als dies, so neu auch wieder nicht. Zum Skandal
wird sie deshalb auch nur in einem ganz anderen
Zusammenhang, nämlich bei der politischen
Begutachtung des Standorts Deutschland.
Angesichts hoher Arbeitslosenzahlen und
schlechten Wirtschaftswachstums im Vergleich zu
anderen EU-Ländern schließen Bildungspolitiker
ganz frei von ihrer Unzufriedenheit mit dem
ökonomischen Erfolg Deutschlands auf die
Unbrauchbarkeit des dafür doch vorgesehenen
Volkes.
Entsprechend
fällt
ihr Bild vom Schulwesen des Landes aus, dem sie
vorstehen. Überall werden Schlendrian und
Liederlichkeit bei Schülern und Lehrern
entdeckt! Werte und Tugenden wie Disziplin und
Leistungswillen erscheinen ihnen absolut
unterentwickelt. Damit soll Schluss sein! Auch
wenn dieses Bild von der Schule gar nicht der
Wirklichkeit entspricht, steht es doch für einen
harten Anspruch der Politik an ihre Lehrer und
Schüler.
Die
Bildungspolitiker
wollen eine Jugend, die mehr Leistung bringt als
bisher; dafür soll ihr „Leistungswille“ durch
Lehrer und Schule gefördert werden. Zugleich
sollen die Schüler auf die berufliche Praxis
vorbereitet werden, d.h. für alle möglichen
Anforderungen ihrer zukünftigen Arbeitgeber zu
Verfügung stehen können und außerdem sollen die
Schulversager und „potentiellen
Risikokandidaten“ stärker kontrolliert und
diszipliniert werden.
Die
Einführung
nationaler Bildungsstandards, die Aneignung von
„Kompetenzen“ als Vorrang vor der Vermittlung
von Wissen, die Einrichtung von Ganztagsschulen
und mehr Schulautonomie sind die zentralen
Punkte dieser Reform, die Deutschlands Jugend
auf die Sprünge helfen soll.
An
der
Frage, ob die Schulreform wirklich erfolgreich
die gewünschte Volksmasse für den Standort
Deutschland liefert, wollen wir uns nicht
beteiligen. Dagegen wollen wir uns klarmachen,
was diese Maßnahmen für Schüler und Lehrer
bedeuten, wie also Wissen und Wissensvermittlung
in dieser Gesellschaft vorkommen.
Donnerstag,
18.01.2007, 18.00 Uhr, Universitätsstraße 16, Raum
2-12 (Städtisches
Kaufhaus, gegenüber dem Seminargebäude)
Prof. Dr. Freerk
Huisken (Uni Bremen)
Vortrag mit
Diskussion zum Thema:
Der nächste
Amoklauf kommt bestimmt –
Über
erwünschte
und unerwünschte Behauptungsstrategien von
Konkurrenzverlierern
Erfurt
und
Emsdetten, wie üblich lauter Einzelfälle von
Einzeltätern, die isolierte Einzelgänger waren.
Schnell ist damit der Befund fertig: Das waren
Taten von verwirrten Jugendlichen, die nach
ausgiebiger Versenkung in „Killerspiele“ Fiktion
und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten
konnten. Um durchgeknallte Waffennarren muss es
sich gehandelt haben, die nach dem Muster
verfuhren, dass die Gelegenheit Diebe schafft.
Dass keiner der Jugendlichen einfach wild ums
sich geballert, sondern sich beide gezielt in
die Schule begeben haben, muss dann wohl als
Zufall verbucht werden. Dass beide ihre ganz
persönlichen Erfahrungen mit der Schule gemacht
haben, dass sie zu den Schulkonkurrenzverlierern
gehörten – der eine ist vor dem Abi gefeuert
worden, der andere hat es nur bis zur Realschule
geschafft und durfte sich später in einem
Minijob beim Baumarkt einrichten –, soll man
getrost vergessen können. Verwirrt ist eben
verwirrt.
Allerdings handelt es
dann wohl um eine ziemlich verbreitete Form
von „Verwirrung“. Denn aus Niederlagen, den
verrückten Schluss zu ziehen, nicht etwa den
eigenen Schaden zu korrigieren, sondern sich
an Schädigern virtuell oder real zu rächen,
ist ziemlich verbreitet. Ebenso verbreitet wie
die Unsitte, an jeder Konkurrenzniederlage
nicht den materiellen Nachteil, sondern den
Angriff aufs Selbstbewusstsein festzuhalten.
Im erlernten psychologischen Umgang mit
Beschädigungen aller Art, die Schule und
Arbeitswelt bereithalten, waren diese beiden
Amokläufer ebenso geübt wie ihre nun
fürchterlich betroffenen Zeitgenossen. Nur
haben sie es nicht dabei belassen, im
Privatleben mit Angebereien aller Art das
Selbstbewusstsein aufzupolieren, haben sich
nicht dem Alkohol oder Drogen hingegeben,
haben auch Rache nicht nur angedroht, sondern
beschlossen, es „allen zu zeigen“. Und genau
das haben sie dann in der brutalsten aller
Formen in die Tat umgesetzt: Denen, die in der
Schule ihr Schicksal als Verlierer besiegelt
hatten, wollten sie zeigen, dass sie
Siegertypen sind. Als Herren über Leib und
Leben haben sie sich inszeniert und damit den
neuen und einzigen Sinn ihres Lebens erfüllt.
Verrückt, in der Tat! Aber exakt so verrückt,
wie sie es in dieser Gesellschaft gelernt
haben. „Ich bin wertvoll!“, sollen sich doch
bereits Kinder vorbuchstabieren, wenn sie
wieder einmal eine Fünf, einen Eintrag oder
Prügel kassiert haben!
Donnerstag, 14. Dezember 2006,
18.30 Uhr, Raum 01-35/36 im Seminargebäude
Gesundheitswesen
und Gesundheitsreform
Gesundheitsreformen
gibt
es schon fast so lange, wie es ein
Gesundheitswesen gibt – beides scheint immer
zusammen zu gehören. Reformiert werden muss
natürlich nicht die Gesundheit. Am
Gesundheitswesen stört ständig, dass es zuviel
kostet. Krankheit ist demnach nicht einfach
ein Problem der kranken Leute, die ja schon
genug Sorgen mit dem Gesundwerden haben. Nein
– die werden umgekehrt zum Problem der
Gesellschaft erklärt, weil sie so viel kosten.
Bei jeder Behandlung stellt sich die Frage:
wieviel darf sie kosten? Da wird Gesundheit
offenbar zu einer ziemlich relativen Sache.
Wieso
ist
„Gesundheit”, dieses so wertvolle Gut,
eigentlich zu teuer für die Gesellschaft? Was
heißt denn „zu teuer“? Die Antwort kennt
jeder: die Krankenkassenbeiträge gehören zu
den sogenannten Lohnnebenkosten. Und das sind
nach dem gültigen gesellschaftlichen
Standpunkt Kosten, mit denen die Arbeitgeber
jedenfalls so wenig wie möglich belastet
werden dürfen, weil sie ein einziges
„Beschäftigungshindernis“ darstellen.
Andererseits gibt es die, die mit Gesundheit
und Krankheit ihr Geschäft machen, also
Pharmaindustrie, Medizintechnik, Apotheker,
Ärzte, Krankenhäuser. Für deren
Gewinnansprüche fallen die Beiträge immer zu
gering aus. Da streiten sich zwei in dieser
Gesellschaft anerkannte Interessen ums Geld –
wie kommen da eigentlich die lohnabhängigen
Beitragszahler und Patienten vor?
Gesundheit,
das
ist für jeden das höchste Gut, welches es zu
erhalten gilt. „Vor allem Gesundheit“ wünscht
man sich an Geburtstagen und jeder weiß, dass
man sich gesund erhalten muss und dafür
einiges zu tun ist. Offensichtlich wird
Gesundheit unbedingt gebraucht und zugleich
ständig angegriffen. Dabei ist durch den
immensen Fortschritt in Sachen Wissen die
Gefahr vieler früherer Krankheiten hierzulande
gebannt, dafür gibt es um so mehr die
berühmten Zivilisationskrankheiten. Was ist
das für eine Gesellschaft, die krank macht?
Donnerstag, 30. November 2006,
18.30 Uhr, Raum 01-35/36 im Seminargebäude
Die Bundeswehr
als Wahlhelfer im Kongo
Die
demokratische
Republik Kongo ist reich an Diamanten,
Kupfer, Kobalt, Gold, seltenen Erden,
Edelhölzern. Im Land beträgt die
Lebenserwartung rund 45 Jahre, die
Säuglings- und Kindersterblichkeit rund 30%,
die Analphabetenrate rund 30%.
Am 30. Juli diesen
Jahres fanden im Kongo die ersten freien
Wahlen seit mehr als vier Jahrzehnten
statt. Sie sollten, so die hiesigen
Stimmen aus Politik und Presse, Frieden
und Stabilität im Land herstellen.
Allerdings war auch klar, dass ohne
ausländische militärische Überwachung
diese Wahlen gar nicht stattfinden
können. Offenbar hatten sich die
konkurrierenden politischen Parteien im
Kongo die Wahlen weder bestellt noch waren
sie willig, sich schiedlich friedlich dem
Wählerwillen zu beugen. Gerade wegen der
Wahlen wurden neue Gewaltausbrüche
erwartet. Davon unbeeindruckt bestand die
EU auf der Durchführung und entsandte
zusätzlich zur bereits stationierten
UN-Truppe ein weiteres Kontingent Soldaten
unter deutscher Führung.
Das
bewaffnete
Engagement der Europäer in dieser Weltgegend
wirft für uns einige Fragen auf:
Fehlt den Menschen
in einem der ärmsten Länder der Welt
ausgerechnet nichts so sehr wie
demokratische Wahlen?
Was ist los, wenn
diese freien Wahlen im Kongo nur unter
ausländischer militärischer Aufsicht
stattfinden können?
Und warum ist
Europa/Deutschland daran so interessiert,
dass es sich beim Aufpassen mit Soldaten
beteiligt?
Donnerstag, 16. November 2006,
18.30 Uhr, Raum 01-35/36 im Seminargebäude
Prof. Dr. Margaret
Wirth (Uni Bremen)
Vortrag mit
Diskussion zum Thema:
Was will
Deutschland, was will Europa auf dem
Kriegsschauplatz Naher Osten?
Die Waffenruhe im
Libanon beendet nicht den Krieg von Israel und
USA „gegen den Terror“
Die Bundesmarine kreuzt
vor dem Libanon mit einem „robusten Mandat“
der UNO auf
Die Bundeskanzlerin
nennt das einen „Einsatz von historischer
Dimension“
Minister Jung klärt
über Waffeneinsatz und Risiken für deutsche
Soldaten auf
Deutsche Innenminister
bereiten die Bevölkerung auf „steigende
Terrorgefahr“ vor
“Europa wird
künftig – davon bin ich überzeugt – ein
Faktor für Frieden, auch im Nahen Osten. Das
ist die eigentliche Nachricht; das ist der
eigentliche Einschnitt, den wir uns bewusst
machen müssen... Mit diesem Einsatz betreten
wir politisches Neuland.”
(Bundesaußenminister Steinmeier im Bundestag)
Deutschland schickt die
Marine vor die libanesische Küste. Politiker
aller Couleur feiern dies als “historische
Stunde”; als bedeutenden Schritt in dem
deutsch-europäischen Projekt, maßgeblichen
Einfluss auf die Geschicke der Welt zu nehmen,
nun auch in Nahost.
Worum geht´s bei diesem
Einsatz? Was ist das viel beschworene
“Historische” daran, sprich: Wozu sieht sich
der deutsche Politik jetzt, nach dem
vorläufigen Ende des Waffengangs im Libanon,
willens und in der Lage? Warum wollen – nach
eigenem Bekunden sogar: müssen – “die
Deutschen” unbedingt dieser UNO-Mission mit
ihrem Militär zur Durchsetzung verhelfen? Was
ist daraus zu lernen – über die
Gesichtspunkte, nach denen Staatsmänner über
Krieg und Frieden befinden, über die
Berechnungen, die sie in dieser Hinsicht
anstellen, über die Ziele, die sie verfolgen,
wenn sie die nationalen Truppen losschicken?
Also über das weltpolitische Kalkül einer
Macht wie Deutschland, die unbedingt ein
“Faktor für Frieden” sein will und die
Umsetzung dieses Interesses sich und ihr Volk
Einiges kosten lässt.
Deutsche Politiker haben
ihr Volk reichlich aufgeklärt über ihre Gründe,
die es aus ihrer Sicht zwingend nötig machen,
die deutsche Marine mit einem “robusten Mandat”
vor die libanesische Küste zu schicken. Mit
diesen offiziellen Gründen will sich der Vortrag
auseinandersetzen. Ebenso wird erläutert, wie
die Kriegs- und Krisenlage in Nahost konkret
aussieht, die den deutsch-europäischen
Militäreinsatz so zwingend erfordert und was die
deutschen Truppen eigentlich zu tun bekommen,
wenn sie das UN-Mandat vollstrecken.
Dienstag, 17. Oktober
2006, 18.30 Uhr, Raum 00-31/32 im Seminargebäude
Das 34-Tage-Gemetzel im Libanon:
Israels Existenzgründung kommt voran
Das israelische Recht auf
Sicherung seiner Existenz ist ein
wertvolles Gut - der Kurswert vom
Sommer d.J. betrug ca. 1000 Tote und 1
Million Flüchtlinge. Worin besteht
eigentlich diese "Existenz", die da so
überaus offensiv gesichert wird?
Die moralische Absolution
erteilt sich der Staat Israel mit Verweis
auf die Massenvernichtung der europäischen
Juden durch Deutschland. Aber woraus
bezieht er das wirkliche, weltpolitisch
wirksame Recht für den ziemlich
ausdauernden und ausgreifenden Gebrauch
seiner Gewalt gegen den Terrorismus seiner
Gegner?
In
der Wucht ihrer hochtrabenden Rechtfertigungen
für ihre Militanz können es die arabischen
Gegner mit Israel locker aufnehmen. Mal davon
abgesehen und auch davon, dass sie hinterher
immer verlieren: Was ist der politische Gehalt
der "arabischen" resp. "palästinensischen"
resp. "libanesischen" "Sache"?
Die amerikanische Außenministerin
hat den Waffengang ohne Beschönigung der
Folgen für die Opfer sogleich als die
schmerzhaften "Geburtswehen eines neuen
Nahen Ostens" erkannt: Was zeichnet diesen
"neuen" Nahen Osten, wenn es nach C. Rice
geht, aus? Und wer oder was hat sie
eigentlich am "alten" Nahen Osten so
gestört?
(Nicht nur) Joschka Fischer ist
sich sicher: "Der Krieg eröffnet eine
Chance für den Frieden, die nicht vertan
werden sollte." Und deshalb müssen "wir"
bei diesem Frieden auch gleich mit 1500
Mann Marine und "robustem Mandat"
mitmachen. Welche Chance genau sieht
Fischer da? Und für wen eigentlich?
Wir stellen uns lieber diese
Fragen, als uns mit moralischen Erwägungen,
wer "da unten" wohl angefangen hat, wer wie
sehr im Recht oder Unrecht ist, wer mit
welchem Blutbad zu weit gegangen ist usw. in
die Pose von ideellen Schiedsrichtern zu
werfen. Deren frei erfundenen Maßstäbe von
maßvollem und dann aber auch berechtigtem
Gewaltgebrauch interessieren praktisch
keinen der Beteiligten auch nur ein
bisschen. Und theoretisch
unterstellt man mit dieser Tour des Rechtens
die auf einander prallenden Zwecke der
Kriegsparteien, erhebt sie also über jede
Kritik. Und die gewaltträchtigen Interessen
der wirklichen Schiedsrichter - USA,
Europa "- gleich mit.
Donnerstag, 06. Juli 2006,
18.30 Uhr, Raum 2-41/42 im Seminargebäude
Fahnenschwenken zur Fußball-WM: von
wegen unschuldige Sportbegeisterung!
Warum es ein Fehler ist, seiner Nation
anzuhängen
Es
ist
unübersehbar: Nationalflaggen an den Autos,
Menschen bemalen sich die Gesichter
schwarz-rot-gold und schwenken Fahnen - die
Weltmeisterschaft wird als Gelegenheit
wahrgenommen, das offensichtlich überwältigende
Bedürfnis auszuleben, sich zu seiner Nation zu
bekennen; zu zeigen, dass man zu ihr dazugehört
und daß man auf sie stolz ist. Ganz egal, wie
man in dieser Nation zurechtkommt; ganz getrennt
davon, dass deutsche Bürger in ihrem Alltag sehr
viel aneinander auszusetzen haben und oft genug
den je anderen als Hindernis für das eigene
Vorankommen betrachten und behandeln; völlig
entfernt von dem sonst üblichen
staatsbürgerlichen Gemecker, mit dem deutsche
Bürger sonst über "Mißwirtschaft" und
"Unfähigkeit" deutscher Politiker und
Wirtschaftsführer herziehen - die
Begeisterung verleiht Flügel, sie besteht darin
und sie befähigt dazu, von all dem zu
abstrahieren.
Ganz von selbst ist die
"schwarz-rot-geile" Party allerdings nicht in
Schwung gekommen. Die Organisation einer
Weltmeisterschaft, einschließlich Fanmeilen
und Großbildschirmen und eines - offenbar
notwendigen - Großaufgebots an Polizei
ist das Werk staatlicher Stellen. Und es
bedarf einer Öffentlichkeit - die
Bild-Zeitung ist mal wieder Vorbild für
alle - , die die Begeisterung
vorbereitete, sie lobt und immer weiter
anheizt.
Politik und öffentliche
Meinung sind mit dem Resultat ihrer aufwändigen
Bemühungen hochzufrieden. Bundespräsident Köhler
freut sich, "dass sich das Land weiter
normalisiert, dass man jetzt unverkrampfter auf
seine eigene Nationalfahne zeigt und sich mit
ihr schmückt." Und Bundeskanzlerin Merkel kennt
die passende Verwendung für das nationale
Hochgefühl: "Wenn ich sehe, welches Potenzial an
Fröhlichkeit, an Begeisterung in diesem Land
steckt, ... dann wird mir nicht bange, dass
dieses Land auch die Herausforderungen meistert,
vor denen wir insgesamt stehen." Spätestens hier
sollte sich der feiernde Fan einmal fragen, ob
er sich da nicht auf ein sehr teures Vergnügen
einlässt. Vielleicht handelt es sich ja um ein
klassisches Eigentor.
Mittwoch, 21. Juni 2006, 18.30
Uhr, Felix-Klein-Hörsaal (Raum 4-24 im
Hauptgebäude der Uni am Augustusplatz)
Prof. Dr. Margaret
Wirth (Uni Bremen)
Vortrag mit
Diskussion zum Thema:
Mehr "Versorgungssicherheit"
und weniger "Abhängigkeit" -
das raumgreifende Programm
deutsch-europäischer Energiepolitik
Deutschland
ist
lt. Auskunft herrschender Politiker nicht nur
ein "rohstoffarmes Land", sondern auch einer der
größten "Energie-Verbraucher" der Welt. Womit
soviel schon klar ist: Die Befriedigung eines so
umfassenden nationalen Energiebedarfs ist eine
politische Herausforderung. Hier findet einmal
nicht "die Wirtschaft in der Wirtschaft" statt;
hier erklärt sich der Staat ausdrücklich für
zuständig, mit Geld und Macht für
"Versorgungssicherheit" zu sorgen.
Bescheidenheit ist da nicht angesagt: Die
Ansprüche, die deutsche Politiker an die
nationale Energieversorgung stellen, sind
nämlich die einer Weltwirtschaftsmacht.
Energiepolitik
ist
Standortpolitik; sie dient dem nationalen
Kapitalwachstum und dessen internationaler
Konkurrenzfähigkeit. Der Staat sorgt für
eine
"Liberalisierung des Energiemarktes", die aus
der nationalen Energieversorgung eine
Wachstumsbranche macht;
"eigene" Energieriesen,
die nicht nur Deutschland beliefern, sondern
sich auf den Energiemärkten in ganz Europa und
darüber hinaus breit machen;
modernste
Energietechnologie von Atom bis Wind, mit
denen deutsche Firmen im Konkurrenzkampf auf
dem globalen Energiemarkt bestehen können.
Energiepolitik
ist
"Sicherheitspolitik"; sie stellt die Dienste
anderer Staatsgewalten an der nationalen
Energieversorgung sicher. Deutsche Außenpolitik
kümmert sich um
"Lieferländer", die
sich auf das deutsche Energieinteresse
verpflichten lassen und dem deutschen Standort
mit ihren Energiereserven stets zu Diensten
sind;
eine "Diversifikation"
der Lieferanten, damit nicht die "uns"
erpressen, sondern "wir" sie gegeneinander
ausspielen können;
also überhaupt darum,
dass die deutsche Aufsichts- und
Erpressungsmacht überall dort zählt, wo es um
internationale Energiefragen geht.
Für
sein
Programm namens "Versorgungssicherheit" betreibt
der Staat einen ziemlichen Aufwand - bis
hin zum Einsatz von Militär. Um einen
menschenfreundlichen Dienst am Kunden, damit
möglichst preiswert Strom aus der Steckdose und
Gas aus der Leitung kommt, handelt es sich bei
diesem Programm also offenbar nicht.
Donnerstag, 29. Juni 2006,
18.30 Uhr, Raum 2-41/42 im Seminargebäude
Die Vorfälle in der Berliner
Rütli-Schule:
Über
die
unerwünschten Wirkungen der praktizierten Schul-,
Sozial- und Ausländerpolitik.
Die
Lehrer
der Rütli-Hauptschule in Berlin-Neukölln haben
ihrem Bildungssenator einen Brief geschrieben.
An ihrer Schule, in der der Anteil der
Jugendlichen mit Migrationshintergrund 83%
beträgt, wird der Unterricht zunehmend
unmöglich. Sie beklagen, "dass die Stimmung in
einigen Klassen zurzeit geprägt ist von
Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz."
Und sie teilen auch mit, warum das so ist. Die
Pädagogen haben es mit Schülern zu tun, "die
weder von den Eltern noch von der Wirtschaft
Perspektiven aufgezeigt bekommen, um ihr Leben
sinnvoll gestalten zu können" und müssen sich
fragen: "Wie sollen wir ihnen erklären, dass es
trotzdem wichtig ist, in der Schule zu sein und
einen Abschluss anzustreben?"
Offenbar haben diese
Schüler ein Problem: als Verlierer der
Ausbildungskonkurrenz und als Ausländer sehen
sie einer Lebensperspektive als
Hartz-IV-Empfänger entgegen.
Das Echo, das der Brief
bei den Politikern und den Medien
hervorgerufen hat, war einhellig: diese
Schüler sind ein Problem. Sie stören nämlich
den Schulfrieden, anstatt sich friedlich ihrem
Schicksal zu ergeben. Und weil laut dem
öffentlichen Urteil die meisten von ihnen gar
keine richtigen Deutschen sind, handelt es
sich mal wieder um einen typischen Fall von
gescheiterter Integration, dem man am besten
mit Polizei an den Schulen, Abschiebung und
schärferer Ausländergesetzgebung begegnet.
Anstatt zu fragen, wie man
mit den renitenten Schulverlierern umgeht,
wollen wir klären, wie sie überhaupt in ihre
"Lage" gekommen sind. Welche Zwecke herrschen
eigentlich in Schule und Gesellschaft, die diese
unerwünschten Wirkungen zeitigen?
Donnerstag, 1. Juni 2006,
18.30 Uhr, Raum 2-41/42 im Seminargebäude
Von wegen
"Konsumentenmacht": Lebensmittelproduktion
in der Marktwirtschaft
Von Gammelfleisch,
Dioxin-Hühnern, ... und der trostlosen
Alternative zwischen Bio- und Billigprodukten
Dafür wird die Marktwirtschaft ja
immer gelobt: ganz ohne Planung bewirken die
Marktkräfte immer das optimal Mögliche in puncto
Versorgung der Menschheit. Konkurrenz belebt das
Geschäft und sorgt dafür, dass der Verbraucher
preiswert zu guten Produkten kommt.
Dann ist ein
Lebensmittelskandal, wie neulich der mit dem
"Gammelfleisch", wohl die Ausnahme von
der Regel. Aber warum kommen solche Ausnahmen
dann so regelmäßig vor?
Wer macht hier
eigentlich was verkehrt? Die Unternehmer mit
ihren cleveren Geschäftsideen? Der Staat beim
Gesetzgeben und Kontrollieren? Oder der
Verbraucher mit der Macht seines Portemonnaie?
Donnerstag, 11. Mai 2006,
18.30 Uhr, Raum 2-41/42 im Seminargebäude
Studentenproteste
und
Generalstreik in Frankreich:
Das
Gesetz zur Neuregelung des Kündigungsschutzes
bei Ersteinstellung
Auch
in
Frankreich wächst die Zahl der Arbeitslosen. Die
Unternehmen machen die Arbeit immer produktiver
und brauchen deswegen immer weniger
Arbeitskräfte. Das tun sie allerdings nicht, um
den Menschen Arbeit zu ersparen, sondern um
Lohnkosten zu senken und damit die Arbeit
rentabler für den Unternehmensgewinn zu machen.
Denn in der Marktwirtschaft ist dies nun einmal
der Erfolg, auf den es ankommt. Für die, die auf
Lohn angewiesen sind, aber von den Unternehmen
nicht mehr oder gar nicht erst gebraucht werden,
ist das Pech: sie finden keine Arbeit, haben
also auch kein Einkommen. So geht -
hierzulande ist es nicht anders - das immer
leichtere Produzieren von immer mehr Reichtum
einher mit massenhafter Armut derer, die für die
Produktion überflüssig sind.
Unter
jungen
Berufsanfängern ist in Frankreich der Anteil
derer, die keine Stelle finden besonders hoch.
Ende letzten Jahres haben vor allem die von
Immigranten abstammenden Jugendlichen angesichts
ihrer nicht vorhandenen "Zukunftsaussichten" mit
nächtelangen Krawallen und Straßenschlachten
unangenehm auf sich aufmerksam gemacht. Die
Regierung ist besorgt: sie konstatiert
massenhafte Jugendarbeitslosigkeit und
verspricht Abhilfe unter dem Titel "Gesetz für
Chancengleichheit".
Das
Programm,
das Premierminister de Villepin als Wohltat an
der arbeitslosen Jugend anpreist - " das sozialste
Projekt für junge Leute, das je vorgeschlagen
wurde" - folgt allerdings einer
eigentümlichen Logik. Kernstück des Gesetzes ist
der "Ersteinstellungsvertrag" (Contrat première
embauche, kurz CPE), der innerhalb der ersten
zwei Jahre die Kündigung von Beschäftigten bis
zum Alter von 26 Jahren ohne Umstände und
Begründung erlaubt. Dass die Unternehmer neue
Freiheiten beim Entlassen erhalten, soll also
die Chancen der Jugendlichen auf einen
Arbeitsplatz erhöhen. Diese Logik ist auch von
allen hiesigen "Arbeitsmarktreformen" bekannt:
wenn die Unternehmer entlassen, dann liegt das
daran, dass sie durch zuviel gesetzlich
verordnete Rücksichtnahme auf die Beschäftigten
daran gehindert werden, Arbeitsplätze zu
schaffen. Also müssen diese Beschränkungen weg.
Den
betroffenen
Jugendlichen in Frankreich hat jedenfalls nicht
eingeleuchtet, dass die drastische
Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen ein
Dienst an ihnen sein soll. Gemeinsam mit
Gewerkschaften und der sozialistischen Partei
haben sie die Rücknahme des Gesetzes erzwungen.
Welchen Erfolg man mit dem Erhalt des
Kündigungsschutzes erkämpft hat, ist allerdings
die Frage.
Über die ökonomischen Gründe,
den Verlauf des Protests und sein Ergebnis wollen
wir diskutieren.